Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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Die zweite Gruppe betrifft die eigentlichen Fäl-
schungen. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist ausser dem
Glanz der Neuheit, der sich verblüffenderweise auch
auf Keile und Leinwand ausdehnt, der Zusammenhang
mit Feuerbachschen Bildern, die ungeschickt variiert
sind. Insbesondere Ölbilder nach vorhandenen Zeich-
nungen. Ich habe hier zwei Puttenbilder im Auge, die
ebenfalls auf die Wiener Fabrik weisen. Auch Medeen
und andere Personen der antiken Tragödie kommen
vor (mehrfach im ovalen Format mit freien Ecken in
braun). Zwei mir überzeugungsvoll als „Feuerbach" ge-
zeigte Aposrelköpfe konnte ich dem erstaunten Besitzer
als bereits von Raffael in der Madonna da Foligno ge-
malt nachweisen und ich vermute, dass noch oft Palma
und Andrea del Sarto für weibliche Köpfe, van Dyck zu

männlichen Porträts herhalten müssen — zu Ehren An-
selm Feuerbachs.

Dass Untermalungen in den Handel gelangten, die
vielleicht aus Feuerbachs Atelier stammen und von an-
derer Hand fertig gemalt sind, ist eine Sache für sich.
Hier ist es am schwersten zu entscheiden.

Es werden daher alle Anwärter Feuerbachscher
Werke ausser auf die Qualität mit noch grösserem Nach-
druck als bisher auf beglaubigte Provenienz Wert zu
legen haben. Freilich werden bald die letzten der Werke
Feuerbachs aus dem Purgatorium der Wanderschaft in
das museale Paradies erhoben sein. Dann wird es sich
von selber erübrigen, von angeblichen Feuerbachs Notiz
nehmen zu müssen, wie dies hier zur Warnung ge-
schieht.



1UNSTAUSSTELLUNGEN

BERLIN
Die grosse Berliner Kunstaus-
stellung.
Diese Jubiläumsausstellung, die
die fünfundzwanzigjährige Friedens-
regierung des Kaisers verherrlichen helfen soll, ist eine
Kompromisveranstaltung geworden, wie es zu erwarten
war. Niemand ist davon befriedigt. Die Akademiker
sagen, sie mache der modernen Kunst zuviel Konzession,
wie denn der Kaiser auch sein Missfallen zu erkennen
gegeben hat; und die Kunstfreunde machen ihr ander-
seits mit Recht zum Vorwurf, dass sie sogar der Aufgabe

ein Bild des deutschen Kunstschaffens in dem letzten
Virteljahrhundert zu geben, ohne Mut und Verständnis
gegenübergetreten ist. Die Organisatoren haben dem
Kaiser und der von ihm propagierten Kunst schmei-
cheln, haben aber auch liberal der guten modernen
Kunst gegenüber erscheinen wollen; dieser unmögliche
Dualismus hat die Ausstellung charakterlos gemacht. Es
zeigt sich, dass die Berliner Sezession ganz recht ge-
handelt hat, als sie es seinerzeit ablehnte, sich zu betei-
ligen, wenn ihr nicht Einfluss auf die Gesamtleitung
eingeräumt würde. Sie hätte innerhalb eines solchen
Konventionalismus ganz deplaziert gewirkt; es hätte wie
ein Abfall von ihren eigenen Traditionen
gewirkt, wenn sie mit einer so flauen
Kunstgesinnung paktiert hätte.

Die Ausstellung zerfällt in vier Ab-
teilungen. Es giebt eine retrospektive
Abteilung, worin Bilder und Skulpturen
der letzten fünfundzwanzig Jahre ge-
zeigt werden und worin die preussischen
Städte, München, Weimar, Stuttgart,
Dresden, Karlsruhe und Wien in beson-
deren Sälen ausgestellt haben. Sodann
giebt es drei Sonderausstellungen von
den Malern Stuck und Schönleber und
von dem Radierer Schmutzer. Zum
dritten giebt es eine ausgedehnte Archi-
tekturabteilung, die wieder in zwei
Gruppen zerfällt: in eine „Kaiserliche
Architekturabteilung", der eine Sonder-
ausstellung von Bodo Ebhardt ange-
gliedert ist, und in eine „Deutschnatio-
nale Architekturabteilung, der sich einige
Sonderkabinette mit Arbeiten Ludwig
Hoffmanns anschliessen. Die Bilder und
Skulpturen der Jahresproduktion bilden
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