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Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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Heft 3
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Kunstausstellungen
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https://doi.org/10.11588/diglit.4754#0132

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die Menschen sehen aus, als hätten sie sich von einem
anderen Planeten auf die Erde verirrt. Die Männer
und Frauen der Bildnisse gleichen bengalisch beleuch-
teten Mondkälbern, und die Landschaften scheinen
am jüngsten Tag gemalt zu sein. Die Bilder und Skulp-
turen schwitzen mit allen Poren gewissermassen Mystik
aus; sieht man sich diese „Mystik" aber näher an, so
schrumpft sie zur Sensation — zur Ausstellungswirkung.
Hinter den Prophetengebärden wittert man etwas Kino-
mässiges; und prüft man die Genialität des Vortrags,
so scheint alles schöne Handwerk, alle Kultur der
Malerei vernichtet. Und auf den Trümmern der Über-
lieferung tanzt die Routine.

Eine Überlebensgrosse Auferstehung zu malen, das
war von je ein Unternehmen, zu dem erfahrene Künst-
ler sich umständlich rüsteten; der talentvolle Franz
Heckendorf improvisiert so etwas nebenbei, in wenigen
Monaten, Wochen, wenn nicht gar Tagen.

Gericault hat mit seinem „Floss der Medusa" ein
Sensationsbild geschaffen, aber er hat es mit einem so
klassischen Meisterkönnen gethan, dass in das Aktuelle
der Ewigkeitszug kam. Heute genügt ein raffiniert die
Schwächen verdeckender Dilettantismus, wie Erich
Waska ihn in den.Dienst erregter Zeitempfindungen
stellt, um einem Eintagswerk wie dem „Chaos" einen
Ehrenplatz in der Berliner Sezession zu verschaffen.

Diese Beispiele sind bezeichnend. Wie diese beiden,
recken fast alle jungen Künstler die Glieder aus, dass

die Gelenke krachen. Und diese Gesinnung macht
selbst das an sich Hoffnungsvolle dann hoffnungslos.
Sogar ältere Mitglieder der Künstlervereinigung er-
scheinen angesteckt vom kühnen Gethue der Jugend.
Einer von ihnen spricht den Besucher im Vorwort mit
„Wanderer" an und behauptet mit peinlicher Salbung,
die Jugend dieser Ausstellung baue „Kathedralen der
Zukunft, Turm an Turm, mit Ausblicken in die Un-
endlichkeit". Wohlfeiler wird es heute nicht gethan.
Man sieht im Ganzen eine an Begabungen nicht eben
arme unerfreulich und etwas demagogisch wirkende
Ausstellung. Aber: „Kathedralen!"

Was kann in solchem Getriebe aus der Geschick-
lichkeit eines Krauskopf, aus dem Doktrinarismus eines
Kohlhoff werden! Um so mehr, als beide, als die
meisten neben ihnen, Eklektiker sind.

Im Hauptsaal hängt eine Landschaft von lauter
Wirkungskraft, frisch gemalt, die Farben sind kaum
trocken. An einer Stelle beginnt die Farbschicht aber
schon abzublättern, die helle Leinwand tritt hervor.
Künstler, die so arbeiten, sorgen selbst für die schnelle
Vergänglichkeit ihrer Werke, sie werden zu ihren eige-
nen Kritikern. Es scheint, als präpariere jeder Maler
seinen Malgrund so sorgfältig, als trage er die Pig-
mente so gewissenhaft auf, wie die Bedeutung seiner
Kunstformen es rechtfertigt. So ist also auch hier
eine stille Konsequenz in den Dingen. Und das ist
ein Trost. Karl Scheffler.

•SS-

BERLIN

In einem Atelier auf der Königin-Augustastrasse
hatte Hedwig Weiss eine Anzahl ihrer Bilder und
Zeichnungen ausgestellt. Diese Künstlerin gehört
neben Dora Hitz, Käthe Kollwitz und Maria Slavona,
ihrem Alter, ihrer Art und ihrer Kunstgesinnung nach.
Auch sie ist eine Schülerin Stauffer-Berns und der
Münchener Akademie, und auch sie hat sich dann selb-
ständig weiterentwickelt unter den Einflüssen der
im Zeichen der Schatten und später des Impressionis-
mus stehenden Zeit. Doch ist sie, im Gegensatz zu
den drei anderen Malerinnen, deren Namen der Ge-
schichte der neudeutschen Malerei angehört, niemals
recht zur Geltung gelangt und mehr als billig im Hinter-
grund geblieben. Die Ursache liegt zum Teil wohl in
persönlichen Eigenschaften, in einer Zurückhaltung, die
im Kampf um die Öffentlichkeit nichts weniger als
nützlich ist, so sympathisch sie auch menschlich berührt;
die Ursache liegt aber auch in den Arbeiten selbst.
Diese gehören jener Art von Kunst an, der gegenüber
man beständig sagt: beinahe! Ein letztes Etwas fehlt
immer, ein letztes an lemperament, Bestimmtheit und
Entschiedenheit der Anschauung. Man möchte sagen,
es ist Frauenkunst, der die Nähe von frischer männ-

licher Anregung fehlt. Berthe Morisot hatte letzten
Endes nicht mehr Talent als Hedwig Weiss; und eine
erfolgreiche Malerin wie Charlotte Berendt ist nicht
begabter; die eine lebte aber neben Manet und ent-
wickelte sich an seiner Kunst, und die andere steht
Lovis Corinth sehr nahe. Hedwig Weiss steht allein,
zu sehr allein, ohne — als Frau und der Stärke ihres
Talents nach die Fähigkeit zu haben, ganz selbständig
zu werden. Das hat ihren Farben und Formen etwas
zurückhaltend Ängstliches gegeben, das sich in den
Bildern vor allem in einer gewissen Verblasenheit
äussert. Dass schöne Eigenschaften in dem Talent ent-
halten sind, zeigen zumeist die Aquarelle. Dem ersten
Blick erscheinen auch sie oft konventionell, beim
näheren Hinsehen aber entdeckt man allerhand Fein-
heiten und Züge voll selbständiger Frische. In dem stau-
bigen Atelier waren die primitiv aufgehängten Blätter
denkbar ungünstig zur Anschauung gebracht. Vielleicht
findet sich ein Kunstsalon, der zum sechzigsten Ge-
burtstag der Künstlerin (im Jahre 1920) einmal zeigt,
wie sich die besten Sachen in einer gepflegten Um-
gebung, gut gerahmt und geschmackvoll verteilt aus-
nehmen. Es würde sich lohnen. Und Hedwig Weiss
kann diese Genugthuung von Berlin fordern.

K. Seh.

Il8
 
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