Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

Seite: 230
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1919/0244
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
PIERRE LAPRADE, STILLEBEN

kam auch wieder. Sicher ist nur, dass die heilige
Sieben der impressionistischen Heroenzeit wesent-
lich überschritten wurde. Die Stützpunkte der
Manifestation waren vorwiegend im Laboratorium
der Unabhängigen, aus dem auch dieses Ge-
schlecht hervorgegangen ist, und im Herbstsalon.
Die Tageskritik hielt für die Fauves noch allerlei
Untertitel bereit: „les incohcrants", die Zusam-
menhanglosen, und „les invertebres", die Wirbel-
losen. Wodurch sie, die Kritik, bewies, dass sie von
den Tendenzen der neuen Schule nicht viel verstand.
In der heroischen Zeit noch trug man Be-
denken, mit Programmen und Rechtfertigungen
hervorzutreten; solche Sachen liess man, wie die
chinesischen Grossherren den Tanz, durch andere
machen. Die nächste Generation denkt anders
über diesen Männerstolz; und die nächstnächste wie-
der ganz anders: während die Fauves dem ironisch
gestimmten Volke bescheiden ihre künstlerischen
Meinungen in authentischen Interpretationen vor-
trugen, schrieben die Kubisten ihre Sorgen mit
breitem Pinsel tumultuarisch an den Lattenzaun der
Öffentlichkeit. Henri Matisse also dozierte höchst
persönlich in der Zeitung „Les Nouvells", die in

vierzehn langen Artikeln, 7. April bis 17. Juli
1909, Dokumente zu den „Tendenzen der
modernen Malerei" sammelte; er bestieg ein
anderes Mal das Katheder in der „Grande
Revue" (mit einigen Streichungen abgedruckt
in „Kunst und Künstler", Bd. VII); Michel
Puy, der Bruder des Malers Jean Puy, ver-
teidigte seine Gesippen zuerst mutig in der
„Phalange", dann etwas gedämpfter und ver-
driesslicher im „Mercure de France" (unter
dem Titel „Le dernier etat de la peinture"
als Sonderheft erschienen); der beredte und
impulsive J.-C. Holl wirft in den weiten Sack
einer Aufsatzsammlung —■ „La jeune peinture
contemporaine" — auch etliche Fauves, und
Andre Salmon, ein geistreicher, poetisch ge-
stimmter Zeitgenosse, den die jüngsten Grup-
pen als eine Art Laienpriester in ihr Sank-
tuarium eingelassen hatten, legt in einem
überzeugungsvollen, anekdotischen Büchlein
—■ „La jeune peinture francaise" — leben-
diges Zeugnis von dem ab, was man ihn hatte
sehen und hören lassen.

Aber auch ich bin ein lebendiger Zeuge,
oder richtiger: bin der Beobachter an der
Seine gewesen. Ich war diese werdende

HENRI MATISSE, SPANIERIN

2}0
loading ...