Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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den Gesänge des Purgatorio sind von ähnlich feiner
Beobachtung und Empfindung; so die verschiedenen
Zeichnungen mit den Neidischen, die, mit Blind-
heit geschlagen, neben ihren Feinden hocken; so
auch in der bloß skizzierenden Zeichnung des achten
Gesanges der Sordello, eine herrliche apollinische
Gestalt von ganz raffaelischer Freiheit. Sein Bestes
hat aber Sandro in den dreißig Zeichnungen zu den
Gesängen des Paradieses gegeben. Sie sind schon
dadurch vor den meisten Zeichnungen der Hölle
und des Fegefeuers ausgezeichnet, daß fast in allen
nur ein Motiv wiedergegeben ist, und daß dies
regelmäßig Dante mit Beatrice darstellt, meist allein
oder doch nur umgeben von kleinen Flämmchen,
den Seelen der Seligen, oder inmitten singender
Engel. Sie fallen auch dadurch aus der Menge
der übrigen Zeichnungen heraus, daß hier die
beiden Gestalten sehr viel größer als die Figuren
in jenen wiedergegeben sind. Das erschwerte dem
Künstler freilich seine Aufgabe, aber die Darstel-
lungen waren so ganz seiner künstlerischen Emp-
findung entsprechend, daß er diese einfachen Kom-
positionen von je zwei in Haltung und Bewegung
meist nicht einmal sehr verschiedenen Figuren zu
einer Fülle von Bildern gestaltet hat, die an Zart-
heit und Mannigfaltigkeit der Empfindung, an Schön-
heit und Grazie der Gestalten, ihrer Bewegung
und Gewandung in der Kunst der Renaissance

kaum ihresgleichen haben. Sie übertreffen auch
wesentlich die zahlreichen Gruppen des Dichter-
paares, das in den beiden ersten Teilen der Gött-
lichen Komödie in jeder Zeichnung meist mehr-
mals auftritt, und in denen der Ausdruck der
Wißbegier, des Staunens, Schreckens, Entsetzens
oder der Andacht des Dante und die belehrende,
hilfreiche Art seines Führes Virgil in der mannig-
fachsten und vornehmsten Weise wiedergegeben
sind. In den Blättern des Paradieses ist Beatrice
um Kopfeslänge den Dichter überragend, eine hehre,
herrliche Gestalt, von edelster Bildung, ernst und
gelegentlich fast streng im Ausdruck, aber mit einem
Zug von Güte und ohne jenen Anflug von Schwer-
mut, der sonst auf den meisten seiner weiblichen
Gestalten, namentlich seinen Madonnen, liegt. Wie
sie Dante bald belehrt, bald verweist, wie sie ihn er-
mutigt und stützt, ihn in die Geheimnisse und Herr-
lichkeiten der himmlischen Regionen und ihrer Heer-
scharen einweiht, ist ebenso fein und reich differen-
ziert wiedergegeben, wie im Dante, einer der Beatrice
in Adel der Erscheinung und Empfindung nahe-
kommenden Gestalt, bald heilige Scheu, bald Andacht
oderSchrecken, Zweifel, Sehnsucht, Liebe, Erstaunen
und alle verwandten Äußerungen einer in reuiger Er-
kenntnis eigener Sündhaftigkeit, aber in beseligter
Zuversicht auf die göttliche Gnade starken Seele in
den mannigfachsten Abstufungen geschildert sind.

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