Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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ERICH HECKEL, BILDNIS. RADIERUNG

AUSGESTELLT BEI FERDINAND MÜLLER, BERLIN

Die Berliner Akademie der Künste hat diesesmal nur
einen Maler zugewählt: Paul Plontke. Die sonst Vorge-
schlagenen, darunter Träger der stärksten Begabungen unter
den Jüngeren, sind durchgefallen. Es wäre Unrecht, diese
kunstpolitische Notiz zu benutzen, um geringschätzig von
Plontke zu sprechen. Wir könnten es nicht einmal, weil
wir ihn kaum kennen. Daß wir ihn nicht kennen, ist aber
entscheidend. Es könnte in Verwunderung setzen, daß
wohl dieser Maler, der mit seinen Bildern zur Aufmerksam-
keit nicht zu zwingen weiß, der akademischen Ehren für
würdig gehalten worden ist, aber keiner jener andern, die
vor wenigen Wochen doch persönlich eingeladen worden
sind, um die Ausstellung der Akademie vor einem Fiasko
zu bewahren — wenn man nicht eben wüßte, daß man
sich der Akademie gegenüber das WTundern abgewöhnen
soll. Persönlichkeiten sollten stärker sein als Systeme; das
scheint aber unmöglich. Zuerst ist uns in diesem Jahr von
der Akademie eine gute Ausstellung gezeigt worden, dann
wurde der Mißgriff der Modeausstellung gemacht, und jetzt
folgt dieses groteske Wahlergebnis. Das ist Kunstpolitil;
ohne Idee, ohne eindeutigen Willen, ohne festen Stand-
punkt. Es ist die Kunstpolitik vom anderen Ende der
„Linden".

Die Preußische Meßbildanstalt legt Wert auf die Mit-
teilung, daß die im Märzheft veröffentlichten Abbildungen
der Jcsus-Johannesgruppe des Kaiser Friedrich-Museums nach
ihren Aufnahmen angefertigt worden sind.

Das Männerbildnis von Cranach, das diesem
Heft vorangestellt worden ist, war neulich bei Paul
Cassirer ausgestellt. Es gehört als Pendant ein
Frauenbildnis dazu. Beide Bilder sind kürzlich erst
der Öffentlichkeit entdeckt worden und in Privat-
besitz übergegangen. Über die Dargestellten weiß
man nichts. Darum ist den Arbeiten kunsthisto-
risch auch schwer beizukommen. Was mit Sicher-
heit gesagt werden kann, ist freilich die Haupt-
sache: daß beide Bilder wunderschön sind, daß
sie zum besten gehören, was wir von dem Porträ-
tisten Cranach kennen, und daß sie fortan im Le-
benswerk des Meisters ihren Platz haben.

K. Sch.

Im „Sturm" hat Archipenko ausgestellt.
Darüber wäre an und für sich nichts weiter zu
sagen, wenn nicht eine ganze Anzahl kunstbeflisse-
ner Leute Archipenko für einen großen Bildhauer
hielten und das öffentlich zu äußern sich keineswegs
scheuten. Da ist es denn doch wohl nötig, ebenso
öffentlich festzustellen, daß Archipenko beides
nicht ist: nicht groß und auch kein Bildhauer.

Diese Ausstellung enthüllt, nachdem begeisterte
Hymnen verschiedenster Organe, mehr als die zur
Illustration jeweils beigegebenen Photographien,
ein durchaus falsches Bild vom Wesen und Werk
dieses Künstlers verbreitet haben, nunmehr seine
Grenzen. Und diese Grenzen sind recht eng.
So lange sich seine Figuren in kleinen, ganz kleinen
Formaten halten und in hübsch glänzendem Metall ge-
gossen sind, haben sie einen gewissen Reiz, auf den das
Wort elegant am besten paßt, einen Reiz, den blankgeputzte
und hübsch geformte Türklinken aus Messing oder die
Stangen und Kolben einer gut funktionierenden Maschine
aber ebenso vermitteln, ohne daß dazu ein Künstler be-
müht wäre. Die wenigen größeren Figuren dokumentieren
dann noch ausdrücklich Archipenkos gänzliche Hilflosigkeit
wirklicher Plastik gegenüber, sobald sie aus der Sphäre der
Spielerei gerückt wird.

Genau das gleiche Resultat ergibt sich aus der so viel
beredeten „Sculpto-peinture". Diese in Gips höchst sauber
modellierten, mit bunten Farben liebreich angemalten und
in sorgsam ausgesuchte Rahmen gehängten kleinen Reliefs
sind manchmal ganz witzig und immerhin amüsanter als die
in Deutschland üblichen „expressionistischen" Kaffeehaus-
skulpturen. Da aber Bracque, Picasso und sogar Glcizes das
Prinzipielle und Neue diese Art von Kubismus schon Jahre
vorher ausexperimentiert und zugleich erledigt haben, so
sind diese Handarbeiten Archipenkos nicht einmal originell,
geschweige denn genial. Und da neben dem Einfluß Bracqucs
und Picassos auch der gewisser anatomischer Lehrutensilien
(aufgeklappte Lungen, Bäuche, Eingeweide aus angemaltem
Papiermachee) unverkennbar ist, so sind diese Scherze nicht
einmal immer hübsch, sondern manchmal ziemlich unappetit-
lich. Die doch gewiss nicht gigantischen kleinen Peintüren
der Laurencin aus ihrer kubistischen Periode sind nicht nur
viel hübscher und geschmackvoller, sondern mindesten eben-

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