Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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GOYA, WEIBLICHE PORTRÄTSTUDIE

MADRID, CONDE DE LAS ALMENAS. PHOTOGR. MORENO

Alter; er malte die Sentimentalität und schwärme-
rische Melancholie der Jugend, den Stolz schöner
erblühter Frauen, die Herrschsucht angejahrter
Damen, den verzweifelten Kampf um die ver-
welkende Schönheit verblühender Beautes und die
tragikomische Putzsucht der alten Garde. Er
malte Königin und Milchmädchen, die ganze Blüte
der spanischen Aristokratie, geborene Herzoginnen
und solche, die ihre Herkunft aus niedrigem
Stande nicht verleugnen, er malte Bürgersfrauen
und Kammerzofen, er malte ehrsame Matronen,
Schauspielerinnen, Sängerinnen und Majas. Er malte
die Unschuld und das Laster, die Verführung und
die Hingebung, die Herrschsucht und das Martyrium,
die Mutter und die Dirne, die Schlichtheit und

die Putzsucht, die Eitelkeit und die Bescheidenheit,
den Blaustrumpf und das Gänschen, den Engel
und die Xantippe, den Leichtsinn und die Gediegen-
heit, die Heldin und die Zerstörerin, die Arbeitende
und die Genießende, die Brutale und die Zarte,
die Feurige und die Sanfte. Und er wußte jenes
Frauenideal des Cervanteschen Studenten zu malen,
die Spanierin, die da ist „ein Engel in der Kirche,
eine Dame auf der Straße und ein Teufel im Bett".

Es ist eigentlich selbstverständlich, daß ein
Meister wie Goya nicht viel Beiwerk braucht, um
das für das Wesen der Dargestellten Wichtige be-
sonders zu betonen. Wo er derartiges Beiwerk
verwendet, hebt es stets den eigentümlich reprä-
sentativen Charakter, den Goya solchen Bildnissen

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