Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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DE VLAMINCK, DAS HAUS AM WEIHER

AUSGESTELLT IN DER GALERIE A. FLECHTHEIM, BERLIN

deutschen Sache in Schles-
wig.Landesbaurat Dr. Wilhelm
Jaenecke, hat in einem weit-
hin vernehmbaren Protest auf
die Nachteile hingewiesen, die
durch derartige Fehlgriffe dem
um sein Dasein ringenden
Deutschtum unserer Nord-
marken erwachsen. Denn die
in Kulturfragen feinhörigen
Dänen machen sich solche
Schlappen weidlich zu nutze.

Man vergleiche die Kriegs-
plakate der Engländer, der
Franzosen und der Amerikaner
mit unseren Schöpfungen in
dieser Gattung, muß man da
nicht fragen: warum stehen
wir so weit dahinter zurück?
Ist das nötig, da seit langem
in München und Stuttgart und
seit kurzem auch in Berlin eine
glänzend entwickelte Plakat-
kunst blüht, die der unserer
ehemaligen Gegner ruhig das
Wasser reichen kann. Wer
gibt diese inhaltlosen, ohne
Beziehung zum Zweck ste-

Krieges geblieben sind. Unter den Aufrufen, Plakaten, Werbe-
schriften, Denkblättern und Medaillen läßt sich eigentlich
nichts von besonderer künstlerischer Qualität nennen. Die
bald wehleidig, bald gekränkt dreinblickenden Köpfe, die
gegen sich selbst wütenden nackten Preisringer und prome-
theischen Athleten konnten unmöglich auf das Gemüt der
breiten Volksschichten erwärmend und begeisternd wirken.
Menschen von feinerem Geschmack mußten dadurch geradezu
abgestoßen werden. Vor allem aber sind, wie aus zahl-
reichen Äußerungen hervorgeht, die Deutschen im Auslande
und unsere Freunde unter den Ausländern von dieser Art
unserer Propaganda peinlich berührt worden. Auf den Gang
der großen Ereignisse haben solche Dinge gewiß keinen Ein-
fluß: allein man darf nicht vergessen, daß die scharfsichtige
"gegnerische Kulturpropaganda solche unglücklichen Erzeug-
nisse aufgreift und als „Dokumente deutschen Ungeschmacks"
auszunutzen versteht. Den Gipfel der Verirrung bezeichnete
vielleicht ein vor länger als Jahresfrist anläßlich der Nordmark-
tage in Flensburg herausgegebenes Plakat, aus dessen sinnlosem
Liniengewirr nach langer Mühe ein auf zwei Beinen wan-
delnder Kopf — es kann auch etwas anderes gewesen sein
— erkannt wurde. Die Flensburger Kaufmannschaft lehnte
einmütig in gesundem Instinkt die Aufhängung dieses Werbe
blatts in ihren Schaufenstern ab. Einer der Vorkämpfer der

henden Vorwürfe an, diese
Schmachtköpfe, diese sentimentalen Leichtathleten und
Schwergewichte? Bietet nicht die Ruhr an sich der groß-
artigen und ergreifenden Motive genug, die ohne weiteres
künstlerisch und in großen Formen und leuchtenden Far-
ben aufgefaßt von gewaltiger Schlagkraft sind? Zwischen
Dortmund, Essen und Bochum und weiter bis nach Duis-
burg ein nicht endenwollender Wald rauchender Schlote,
eiserner Fördertürme, Kohlenwäschen und Schlackenhalden,
in der Nacht durch die Flammen der Hochöfen und die
tausenden Lichter elektrischer Lampen erhellt? Haben die
auf diesem Boden urältesten Deutschtums in harter Arbeit
ihr Tagewerk vollbringenden Menschen, die Ingenieure,
Bergleute, Fabrikarbeiter, Fabrikanten und Bauern irgend
etwas mit den wehleidigen Köpfen und renomisüschen
Meisterschwimmern auf den Plakaten der Ruhrpropaganda
gemein? Welche Fülle monumentaler künstlerischer Ge-
danken ließe sich nicht erst für die Rheinpropaganda finden!

Auf die Ursachen dieser bedauerlichen und völlig un-
nötigen Erscheinungen einzugehen, ist hier nicht der Ort.
Wir sprechen gewiß im Namen aller gebildeten Deutschen,
wenn wir mit dem Wunsche schließen: daß in zukünftigen
Fällen ein glücklicherer Stern über der deutschen Propa-
ganda walten möge.

Herrn. Schmitz.

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