Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Sie liegt darin, daß das Gemälde heute die Kunst
der zweidimensionalen Fläche, die Malerei schlecht-
hin, nahezu ausschließlich verkörpert. Das Wort
Lionardos, der die Entstehung des Gemäldes mit-
erlebte, ist in Erfüllung gegangen, wenigstens so-
weit es für die bildende Kunst Geltung hat: daß
nämlich die Malerei die würdigste aller Künste
(Dichtkunst und Musik eingeschlossen) sei. Die
Wandmalerei teilt das Schicksal der Baukunst, von
der sie stark abhängig ist. Beide befinden sich
seit längerer Zeit in entwicklungsgeschichtlichem
Sinne im Zustand der Erschöpfung. Die Buch-
malerei ist seit Jahrhunderten erloschen und wird
nie mehr aufleben, und Wirkerei und Glasmalerei
fristen ihr Dasein im Schatten einer Industrie voll
von schwerlich erschöpften, aber noch ganz un-
bekannten Entwicklungsmöglichkeiten. Die Gra-
phik, deren Entfaltung derjenigen des Gemäldes
fast von seinen Anfängen an in bescheidenerem
Umfang parallel geht und die im neunzehnten
Jahrhundert infolge der Erfindung des Steindrucks
und der Entwicklung des Zeitschriftenwesens einen
bedeutenden Aufschwung nahm, zehrte allzu häufig
von den Anregungen der Maler und diente im ver-
gangenen Jahrhundert ausschließlicher denn je Buch
und Zeitschrift, als daß ihre Stellung im Kunst-
leben mit der des Gemäldes verglichen werden
könnte. Die großen Graphiker sind dazu fast aus-
nahmslos Maler gewesen, und die Einschätzung,
die sie der von ihnen betriebenen graphischen
Kunst zuteil werden ließen, drückt deutlich die
gleiche Bewertung aus. Sie sahen in der Graphik
das Mittel, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen
oder sich auf kürzestem Wege der künstlerischen
Einfälle zu entledigen, die für die Ausführung im
Bilde weder geeignet waren noch würdig befun-
den wurden. Das Gemälde verkörpert recht eigent-
lich die sogenannte „hohe Kunst" unter den
Flächenkünsten, die anderen sind „gewerbliche
Künste", und seine Gestaltung ist zum Inbegriff
künstlerischer Freiheit und Selbstherrlichkeit ge-
worden, je mehr ihm Photographie, Steindruck
und alle anderen reproduzierenden Künste die Da-
seinsberechtigung im Leben des Menschen streitig
gemacht haben.

Es ist klar, daß die Vorstufen einer so gewal-
tigen Entwicklung weit zurückreichen müssen und
daß die am Anfang gegebene Charakteristik des
Gemäldes ergänzt und vertieft werden muß, um

es von den Vorstufen zu unterscheiden. Wie schon
bemerkt wurde, ist das Gemälde aus den Tafel-
oder Staffeleibildern hervorgegangen, d. h. aus meist
auf Holz gemalten Öl- oder Temperabildern, die
fast zweihundert Jahre lang in Italien und Deutsch-
land hergestellt wurden, bevor von altniederländi-
schen Gemälden gesprochen werden kann. Wie
häufig bei mittelalterlichen Kunstwerken, läßt sich
auch die Gattung der Tafelmalerei über die schon
in frühchristlicher Zeit nachweisbaren byzantini-
schen „Ikonen" oder Tafelbilder bis in die Antike
zurück verfolgen, wo sich die Anfänge im Dunkel
verlieren. Aus dem byzantinisierenden Stil befreite
Giotto um 1300 die abendländische Malerei, und
sein Genie hätte wohl eine selbständige Staffelei-
malerei begründet, wenn er nicht nahezu aus-
schließlich als Freskomaler tätig gewesen wäre,
so daß er der Gesetzgeber einer neuen Wand-
malerei geworden ist. Die damals schnell sich
entfaltende Staffeleimalerei ist der Spiegel der
Wandmalerei, und statt sich unabhängig zu machen,
begibt sie sich — noch unter dem Eindruck des
byzantinischen Vorbildes — in die Botmäßigkeit
der Goldschmiedekunst, indem sie deren feine Ver-
zierung und Vergoldung der Fläche anwendet. Es
gibt kaum Tafelbilder des dreizehnten und vier-
zehnten Jahrhunderts, die nicht einen prunkvollen
Goldgrund tragen, der aus aufgelegtem und durch
Glätten zum Spiegeln gebrachtem Blattgold mit
zierlicher Punzierung besteht. In der Regel sind
die Bilder außerdem mit plastischem Zierat ge-
schmückt, oder sie sind häufig Bestandteile großer
geschnitzter und gemalter Altäre. Die deutschen
Maler haben nur zeitweise und unter indirektem
oder auch direktem italienischen Einfluß die Un-
abhängigkeit von der Bildhauerei erlangt, die unter
den italienischen Tafelbildern in beträchtlichem
Grade besonders die feinen sienesischen Täfelchen
besitzen. Der Tafelmaler arbeitet in Deutschland
bis zur höchsten Blüte deutscher Malerei, zu
Dürers, Holbeins, Grünewalds Zeiten in enger Ge-
meinschaft mit dem Bildschnitzer. Die Wirkung
der plastischen Teile ist sogar in den Bildern dieser
großen Künstler gelegentlich noch in Rechnung
gestellt.

Ist sonach das Gemälde in negativem Sinne
durch den Mangel architektonischen oder plastischen
Beiwerks charakterisiert, so ist in positivem Sinne
zunächst die Eignung als Sammelgegenstand im

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