Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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So gewann man zwar eine sehr beachtenswerte, sehr inter-
essante und sogar imponierende Ausstellung, aber eben
doch nur „Ausstellung". Ich habe die Empfindung, daß
man dabei dem Prager „Geschmack" entgegenkommen
wollte: „schöne" Malerei ohne Radikalismen nach irgend-
einer Seite. Ein einziges Bild von Dix wirkt in diesem
Zusammenhang verloren und unverständlich. Aber das
charakteristisch Deutsche müßte zu weit stärkerem Ausdruck
gelangen. Warum fehlt Barlach? Seine Holzplastiken wären
zu einer Offenbarung geworden. Die Arbeiten von Abbo,
Edzard, Haller, Huf, Klinisch, Kolbe, Sintenis usw. wirken
gewiß gut, sie werden bewundert, aber die erfreuliche Fülle
dieser Talente entschädigt nicht für das Fehlen jenes nord-
deutschen Genies, das einen ganz anderen Ton in die Aus-
stellung gebracht hätte: weniger europäisch, aber stärker
nordisch. Und die Slawen hätten auf dem Umwege über
Rußland schon diesen Ton verstanden. Gerade ihn kann
Paris nicht bieten. In der Galerie fiel mir auf, daß man
auch eines Toten pietätvoll gedachte: eine der prachtvollen
goldblonden Landschaften Röslers leuchtet von der Wand.
Aber warum begnügte man sich mit einem einzigen Bei-
spiel? Ich denke an Leibi und Trübner, ja man hätte auch
auf Menzel und Hans von Marees zurückgreifen dürfen. All
das ist doch in Prag im wesentlichen unbekannt und für
das Antlitz unserer gegenwärtigen Kunst wichtiger als etwa
W.Jacob, Willi Jaeckel, Paul Plontke oder Lesser Ury. Ohne
diese oder andere Künstler kränken zu wollen; es ist doch
zweiter Rang. Für ihn öffnet sich der Platz, wenn der erste
Rang ihn erobert hat. Ich hätte darum Max Liebermann
mehr als zwei Bilder gegönnt: eine Dünenlandschaft von
1912 — geboren aus der Stimmung von Hauptmanns „Gabriel
Schillings Flucht" — und eines der Gartenbilder von 1922,
von vollkommener Meisterschaft. Es ist das ergreifendste
Gemälde der Ausstellung: Altersweisheit, distanzierte Zärt-
lichkeit, unendliche Kultur der Malerei; ein Stück Natur
Klang und Schönheit geworden, und doch dabei die Unend-
lichkeit der Natur gewahrt, auch nicht das geringste Zu-
geständnis ans Kunstgewerbliche. Mit prachtvoller Bravour

UKTION S

BERLIN

Die Graphikversteigerung bei
Graupe (19.—22. März) litt unter
dem herrschenden Geldmangel.
Auch die rasche Folge der Graphik-

auktionen besonders in Berlin beginnt sich schädlich be-
merkbar zu machen. Vor allem aber ist die ermüdende
Wiederkehr immer derselben Auflagedrucke, die in jeder
Kunsthandlung zu haben sind, der Kauflust nicht gerade
förderlich. Früher wurden öffentliche Versteigerungen zum
Verkauf ganzer Sammlungen benutzt. Jetzt sind sie, in
bequemer Ausnutzung der Konjunktur, zu sehr Verkaufs-
veranstaltungen von Dingen geworden, die sich weder
durch ihre Seltenheit auszeichnen, noch dadurch auf be-
sonderes Interesse rechnen können, daß sie einer altbe-
rühmten Sammlung entstammen. Wirkliche Seltenheiten

steht daneben Corinth mit drei Bildern. Ich hätte noch
gern eine seiner Walchenseelandschaften gesehen. Slevogt
ist mit einem Mädchen in Blüten unglücklich, dafür aber
mit einer grünen Landschaft (ihre Akkorde haften unver-
gänglich) hervorragend vertreten. Schade, daß die Graphik
fehlt. Eine graphische Ausstellung wäre überhaupt die not-
wendige Ergänzung dieser Schau.

Chagall und Pascin hätten fehlen dürfen, denn man
kann sie wohl nicht ohne weiteres zur deutschen Kunst
zählen. Auch das wäre eine schöne Aufgabe, einmal durch
eine Ausstellung zu beweisen, wie deutsche Kunst auf Aus-
land und Ausländer schöpferisch wirkt. Besonderer Nach-
druck ist auf die Künstler der „Brücke" gelegt. Aber die
hier gezeigten Bilder von Erich Heckel erscheinen etwas
dogmatisch dünn; sein Bestes, die lyrische Romantik, klingt
nur leise an. Schmidt-Rottluff tritt etwas gemildert auf: er
ist härter, strenger, asketischer, als man nach diesen Proben
annehmen könnte. Aber vielleicht findet er so mehr freund-
liches Entgegenkommen. Zwei kleine farbenglühende Noldes
sind da. Hier hätte man wohl noch stärker unterstreichen
können. Dann wäre bei aller Unterschiedenheit der Rasse,
des Temperaments usw. die Verwandtschaft zu Bestrebungen
jüngster tschechischer Künstler greifbarer geworden. Pech-
stein wirkt in zwei Bildern sehr reif, vornehm, abgewogen.
Ihm widmet eben im Künstlerhaus der Kunstverein eine
sehr umfassende Sonderausstellung mit über hundert Ar-
beiten. Sie sind alle in Berlin bekannt. Hoffentlich folgen
dieser Sonderausstellung ähnliche in regelmäßiger Folge.
Zum Schluß weise ich noch darauf hin, daß mit sehr ge-
lungenen Proben Oskar Moll, Otto Müller, Kokoschka,
Orlik, Purrmann, Röhricht charakterisiert werden. Es ist
also — alles in allem — viel Positives da. Und darum
muß nicht nur Prag, sondern die ganze deutsche Kunstwelt
Arnold in Dresden danken, der diese Schau zusammen-
gestellt und geordnet hat, zugleich aber dem tschechischen
Künstlerverein Manes, der dieser Kunst seine Räume freund-
lich geöffnet hat.

Emil Utitz.

NAC HR1CHTEN

sind auch auf der letzten Graupe-Auktion gut bezahlt worden:
von Liebermann ein Probedruck des Bildnisses Viktor Zucker-
kandl Sch. 336, mit 175 Mark, oder sein Selbstbildnis des
Malenden Sch. 342 mit 220 Mark; von Max Slevogt „Diplom
für ein Sängerfest", Lith., 210 Mark, ein „Nibelungen-Holz-
schnitt", vom Künstler selbst geschnitten, 155 Mark; von
Münch „Das kranke Mädchen" Sch. 7 505 Mark; von Ko-
koschka ein Probedruck der Lithographie Corona I mit 110
Mark; von Käthe Kollwitz die Radierung „An der Kirchen-
mauer" 300 Mark und die „Frau an der Wiege" 160 Mark.
Aber die Preise für Auflagedrucke, die im allgemeinen auch
im Kunsthandel leicht zu haben sind, blieben hinter den
Preisen der letzten Auktion zurück.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Versteigerung
einer geschlossenen Sammlung graphischer Seltenheiten in
vorzüglichen Drucken trotz der augenblicklichen Wirtschaft
liehen Schwierigkeiten hohe Preise erzielen würde.

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