Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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gäbe, die Corinth im Alter zuteil geworden, ist
keine religiöse. Die kontemplative Erregung, ohne
welche ein Werk wie die Offenbarung Johannis
einfach nicht möglich ist, trat nicht ein. Die
Blätter sind schwach. Wohl sind sie technisch
schön, weisen sie alle Zeichen des neuen Stiles
auf, wohl fahren die Gestalten auf ihnen in einem
Meer von dunklen Nebeln daher, aus denen hier
ein Gesicht, dort ein Körper auftaucht, aber da
sie nicht aus dem Zentrum eines religiösen Er-
lebnisses geschaffen sind, entbehren sie der großen
Wirkung.

Wir wollen uns nicht bei jedem einzelnen
Werk aufhalten, das in der Folgezeit entstand,
nur anläßlich der „Familie", zehn Radierungen,
die 1918 bei Gurlitt erschienen und dem eigenen
Kreis entnommen waren, wollen wir darauf hin-
weisen, daß nun auch die Radierung denselben
malerischen Stil aufweist, wie wir ihn bei der Stein-
zeichnung festgestellt haben. Mit dem Diamant
reißt der Künstler tief die Platte auf, verbreitet
durch unzählige Parallelstriche die Wunde im
Kupier, so daß eine umfängliche vertiefte Fläche
entsteht, die dann später beim Abdruck den dunklen,
samtenen Ton hervorbringt. Ähnlich wie bei der
Federzeichnung wird mit ausgeprägten Gegensätzen
von schwarz und weiß gearbeitet, aber nicht linear,
konturierend, sondern gleichsam als ob der Tusch-
pinsel zu Hilfe genommen wäre, werden kompakte
Massen von Dunkel gegen das helle Papier ausge-
spielt. Auch hier fällt das Ungefähre auf, das die
Gestalten jetzt erhalten. Ihre Plastizität, Taktilität
ist nichts mehr, ihre Ähnlichkeit ist erst recht
gleichgültig. Wichtig ist nur ihr bildmäßiger Wert.
In ihrer Unwirklichkeit wirken sie oft packender
als ihre subtilste Wiedergabe in den früheren Jahren.

Einen ganz großen Griff tat der Maler 1920
in der Illustration des „Goetz". („Das Leben des
Goetz von ßerlichingen von ihm selbst erzählt",
fünfzehn Lithographien, bei Gurlitt.) Geistvolle
Initialen und ganzseitige Illustrationen von größter
Eindruckskraft vereinigen sich, das Buch in die
erste Reihe der berühmten Illustrationswerke zu
stellen neben die Daumier, Gavarni, Dore, Menzel
und Slevogt. Hier ist der Künstler noch einen
Schritt weiter gegangen, das Bild mit der Seite
innig zu verschmelzen, indem er jeder Darstellung
zwei handgeschriebene Zeilen anfügte und sie mit
ein paar Schnörkeln an diese anschloß. Das Wilde,

Heroische, das Bunte, Klirrende, das Deutsche, Ur-
wüchsige regte seine Phantasie auf. Das unge-
stillte Bedürfnis nach sinnlicher Lebensbetätigung,
nach Streit und Kampf, nach Weib und Wein, das
in dem kranken Körper unseres Helden unverän-
dert webte, es sprach sich hier aus. Sublimiert
durch die Kunst, schuf die ungeschwächte Sinn-
lichkeit Corinths hier eines seiner schönsten und,
wir wollen es ruhig sagen, das arg mißhandelte
und mißbrauchte Wort anzuwenden, eines seiner
unsterblichen Werke. Wie in gewaltigen Massen
von hell und dunkel sich die Szenen aufbauen,
wie die Riesenhaftigkeit des eisengepanzerten Goetz
den Rahmen der Seite zu sprengen trachtet, wie
im Handgemenge alles nur ein Schrei, ein Dolch,
ein Geheul geworden scheint, wie endlich auf ab-
getriebenem Gaul der Gebeugte gleichsam als ein
Schatten an uns vorüberzieht, uns ein Profil zu-
wendend mit scharf gebogener Nase und langem
Bart, durchzogen von einer Trauer und einer Müdig-
keit, die man niemals mehr vergißt: das alles ist
von einer Wucht der Schilderung und einer Kraft
der Darstellung, dabei von einer Beherrschung der
Mittel, wie es sich ganz selten in der Kunstgeschichte
vereinigt findet.

1919 ist der Goetz geschaffen, 1920 schon kam
ein Werk, auch im Verlag von Gurlitt, an den
Tag, das sich würdig daneben stellt. Es ist die
„Anna Boleyn". Dazwischen liegen die „Elf Ini-
tialen", nach Motiven aus den Handzeichnungen
Albrecht Dürers zum Gebetbuch Kaiser Maximi-
lians (Lithographien im Gurlitt-Verlag), weiter
die „Liebschaften des Zeus", acht derbe Farblithos
erotischer Natur, Gurlitt-Verlag, weiter der „Eli",
drei Titelköpfe zu dem von M. J. Bin Gorion neu-
geordneten Buch der Bibel (Insel-Verlag) und end-
lich nicht weniger als fünfundzwanzig Einzelblätter,
meist Lithos. Man ermißt daraus die Fruchtbar-
keit dieses Jahres, das im weiteren noch die Walchen-
see-Mappe, den „Martin Luther" und den „Reineke
Fuchs" zeitigen sollte, und dann noch einmal fünf-
undzwanzig Einzelblätter, also im ganzen neben
sechs Mappenwerken fünfzig graphische Drucke,
eine Produktion, wie sie für viele Künstler das
Lebenswerk ausmacht.

Hatte Corinth im Goetz Handlung wiederge-
geben, so gab er in der Anna Boleyn Persönlich-
keiten, Erscheinungen, Bilder. Die Schauspieler
verschmolzen ihm mit den Gestalten der Geschichte.

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