Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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typen Altamerikas sich unterscheidet: die Figuren
sind nicht oberflächlich mit Ritzung und Flach-
relief verkleidete Steinblöcke, sondern sie sind
trotz ihrer kubischen Gebundenheit durchaus pla-
stisch und naturgemäß modelliert und durchge-
formt. Während aber ägyptische Kunst mit dem
Kubischen den Ausdruck einer wirklichen Ruhe
und Ewigkeitsdauer zu verbinden weiß, ist das
geschlossene Hocken der mexikanischen Statuen
nur wie ein begrenzter Aufenthalt in der Be-
wegung. Etwas Willensmäßiges ist mit ihm ver-
knüpft, etwas energisch Gespanntes. Diese Figuren
wollen nicht in Ruhe steinern beharren, sondern
sie würden aufspringen, wenn nicht die gebotene
feierliche Vorschrift ihren Leib bände. Man be-
trachte auch die Augen der beiden Figuren aus
Mexiko: sie sind nicht rundplastisch modelliert in
ihrem körperlichen Dasein, sondern sie sind ge-
bohrt, nur der „Blick" ist durch das tiefe Schatten-
loch angedeutet, nicht das Auge selbst. Ein Seelen-
haftes, Unkörperliches drückt sich hier in einer
gebundenen „ägyptischen" Formensprache aus, was

man im europäischen Altertum erst in spätester
Zeit bei spätrömischen Kaiserporträts und dann
in byzantinischer und frühmittelalterlicher Kunst
kennt. Eine Beziehung auf den unsichtbaren Raum
gibt der Frontalität und dem Kubismus der mexika-
nischen Figuren einen völlig anderen Sinn als dem
ägyptischen. So haben wir also selbst hier bei
einer im Verhältnis zur übrigen mexikanischen
Kunst uns „klassisch" anmutenden Götterbildnerei
im Grunde doch wieder jenes merkwürdige Neben-
und Ineinander, dessen wir im Anfang dieses Auf-
satzes gedachten, jene Mischung von Stilelementen,
die im Abendlande zum Teil als archaisch, zum
Teil als barock-archaistisch angesprochen werden
müssen, also zeitlich weit auseinanderliegen. Doppelt
rätselhaft wird unter solchen Umständen, geschicht-
lich und psychologisch betrachtet, das Wesen alt-
amerikanischer Kultur. Eine neue Klasse von for-
malen Gegebenheiten muß sich unserm Bewußtsein
einprägen: nicht „ägyptisch", nicht „spätantik", nicht
„indisch" oder „chinesisch" ist diese Kunst, sondern
im eigentlichen und gesteigerten Sinne „indianisch".

ALTMEXIKANISCHER SONNENGOTT

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