Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Diese — selbst der glänzende, einzige Dore
durch seine oft gleichgültige Uberproduktion —
und das ungezählte Heer der Namenlosen bleiben
für den diskreditierten Klang des Wortes Illustration
verantwortlich.

Aber die Grenzen sind nicht ausgesteckt 1 Auch
ein Michelangelo wäre als Illustrator nicht zu groß,
auf die Beanstandung hin, daß dieser gewalttätige
Geist ein Buchmonstrum erzeugt hätte (was nicht
einmal zu glauben wäre, weil dieses merkwürdige
athletische Genie sich erst proportional mit seinen
gigantischen Aufgaben ausdehnt und in seinen Zeich-
nungen und Arbeiten kleinen Formates fast zart ist).

Das bestehende Vorurteil dem „Illustrativen"
gegenüber — genährt aus der endlich spät genug
in Deutschland erwachsenen Kenntnis von der
einzig unterscheidenden Qualität eines Kunstwerkes
und einer etwas blutlosen Sachlichkeit der An-

schauung — greift weiter und erwächst zu einem
Modetyrannen.

Bilder, dem Stoffgebiet von Dichtung, Er-
zählung usw. entnommen, werden gleich verdäch-
tig. Es ist der fortgesetzte Kampf gegen das
Literarische in der Malerei, der eigentlich nur ein
Kampf gegen die schlechte Malerei sein dürfte,
und den unvermögenden Bildner.

Ich weiß nicht, soll man sagen: der geringe
Anspruch an die Bedeutung der Buchillustration
macht mißtrauisch gegen die Bilder gleichen Stoffes,
oder: schlecht gemalte Bilder dieser Art recht-
fertigen die Anspruchslosigkeit den illustrierten
Büchern gegenüber. Es entsteht ein wechselseitig
denunzierendes Verhältnis.

Nur ein Gebiet hebt sich hier ab, scheint selbst-
verständlich und selbstgefällig erlaubt: die bibli-
schen Stoffe.

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