Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 26.1928

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DIE GEFÄLSCHTE KUNST

Eine Grundforderung der Kunstempfindung ist
die Echtheit. Etwas Entscheidendes vom Inter-
esse am Kunstwerk verflüchtigt sich im Augenblick,
wo der Nachweis geführt wird, daß es sich nicht
um ein Original, sondern um eine Kopie oder um
eine Fälschung handelt. Die Dresdener Madonna,
die früher Holbein zugeschrieben wurde, ist ein
anschauliches Beispiel. Einst war sie eines der be-
rühmtesten deutschen Bilder; heute, wo das
Bild in Darmstadt als das Original erkannt ist,
streift sie kaum noch ein Blick. Und doch hat
das Werk sich nicht geändert. Zum wenigsten
hat es noch jetzt den Wert, eine Spiegelung
eines großen Kunstwerkes zu sein. Der Nimbus
ist aber dahin. Im Werk änderte sich nichts, doch
hat sich im Betrachter ein Wandel vollzogen. Es
zeigt sich, daß im Kunstwerk das Einmalige, das
Persönliche gesucht wird, und daß in diesem Sinne

das Echte der Todfeind des Falschen ist. Fällt der
Betrachter gar auf eine Fälschung herein, so schämt
er sich, wie sich der Betrogene schämt. Die Ge-
wißheit des Echten ist eines der Grundrechte der
Kunstempfindung.

Wie verhält sich nun die Wirklichkeit zu diesem
Bedürfnis?

Das scharenweis durch die Museen dahin-
ziehende Publikum ist geneigt, alles, was es sieht,
auf Treu und Glauben hinzunehmen. Es bedenkt
nicht, daß Bilder empfindliche Wesen sind, die
eine begrenzte Lebensdauer haben; es macht sich
nicht Gedanken darüber, daß trotzdem fast alle
diese Bilder aus sechs Jahrhunderten tadellos er-
halten zu sein scheinen und von Lack und Firnis
nur so glänzen. Würde dieses Publikum in seinem
Vertrauen nicht tief erschüttert, würde es nicht
durchaus unsicher werden, wenn ein Kenner ihm

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