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Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 26.1928

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Heft 10
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Luzzatto, Guido Lodovico: Die Italienische Kunst der Gegenwart: gelegentlich der XVI. internationalen Kunstausstellung in Venedig
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https://doi.org/10.11588/diglit.7393#0423

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FELtCE CÄSORATI (TURIN), SCHLAFENDE MÄDCHEN

An diesem Riesengemälde zu bewundern ist die Kraft,
mit der eine solche Fülle von Gestalten nebeneinander ge-
stellt wurde, und vor allem die Darstellung des Raumes.
Der schwächste Punkt des Bildes ist vielleicht die Mitte,
der Akt, während die rechte Ecke mit dem welken Laub
und dem Blumenglas außerordentlich kräftig hervortritt.

Der junge Florentiner Maler Primo Conti versucht sich
in einer ausgesprochen „barbarischen" Malerei. Primo Conti
kennt nur eine gewisse naive Farbenphantasie; das brennende
Rot eines Gewandes bildet den Mittelpunkt und nach diesem
Mittelpunkt hin drängen die Schwärme der Vögel, die Ochsen
und Elefanten, die Mohren und die Könige in einer wahren
Farbenorgie.

Äußerst interessant ist die Komposition Giuseppe Monta-
naris, eines Malers, der mit großem Ernst eine verinnerlichte
Darstellung der Erde und des Landvolkes in ausdrucksvoller
Einheit anstrebt. Seiner Vereinfachung gelang es unter an-
derem, die Figur einer Bäuerin in innigen Kontakt mit der
weiten und fruchtbaren Erde zu bringen.

Der abruzzesische Maler Michele Cascella, der derartigen
Anstrengungen um Aufbau und Grandiosität fernsteht, ist
ein Primitiver, ist frisch und unverdorben, bisweilen fast
kindlich in seiner Malerei. Der Ausschnitt aus Mailand,
in der Gegend von Viale Premuda läßt seine Art nicht so
gut erkennen wie einige Bilder aus den heimatlichen Abruzzen,
in denen er sich, voll unendlicher Liebe, der vertrauten Na-
tur hingibt.

Ein anderer Primitiver, Arturo Nathan, bringt eine Zeich-
nung in zarten Farben, deren sprießende Gräser und Steine
an die Japaner erinnert, in der sich eine künstlerische Per-
sönlichkeit voll Eigenart und feinem Geschmack kundgibt.

Die italienische Bildhauerkunst ist auf der Ausstellung
nicht mit derselben Reichhaltigkeit vertreten wie die Malerei.
Die Besten fehlen fast alle.

Das „Cavallino" (Pferdchen) in Wachs von Arturo Dazzi
ist eine zwar einfache, aber ursprüngliche und glückliche

Arbeit. Dieses einfache Kunstwerk hat einen
allgemeinen Erfolg zu verzeichnen. Denn es
gibt leichtverständliche Werke, die allen ge-
fallen, die alle Probleme friedlich in sich
auflösen, vor denen man ausruhen kann.

Das „Cavallino" von Dazzi ist als ein
Meisterwerk klassifiziert worden, als das
Meisterwerk der ganzen internationalen Aus-
stellung. Ohne seine Bedeutung übertreiben
zu wollen, muß man zugeben: es ist mit so
viel Sicherheit und so viel Geist aus dem
weichen roten Wachs geformt worden, daß
es tatsächlich vollkommen und harmonisch
genannt werden darf.

Die allegorische Figur von Ercole Drei
„La Tragedia" bildet den Teil einer Serie; es
sind lebendige und gesunde Gestalten, die
der Bildhauer rhythmisch darzustellen suchte.

Auch die italienische dekorative Kunst,
die sich in den letzten Jahren einer uner-
warteten fröhlichen Blüte erfreute, hat der Aus-
stellung ihren Beitrag geliefert, was die Wir-
kung des Gesamteindruckes angenehm erhöht.
Die Venezianer Glaswaren feiern, von moderner Phan-
tasie belebt, Triumphe in dieser Ausstellung.

An erster Stelle stehen die Arbeiten der Glasbläserei
Venini; von den wundervollen Spiegeln im Vorraum schweift
der Blick zu den mit unvergleichlicher Anmut verzierten
Vasen und gewichtlosen Krügen.

Sicher ist, daß die italienischen darstellenden Künste
sich gegenwärtig einer neuen Triebkraft erfreuen, die in dem
Wunsch gipfelt, sich mit was immer für einer Ausdrucks-
weise jener dem Auge wohlgefälligen, dekorativen, beruhi-
genden SchafFensart zu nähern, jener vornehmen und zarten
Schönheit, die der Stolz von Florenz und Venedig war.

FELICE CASORATI (TURIN), BILDNIS DAPHNE MOGHAN

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