Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Henry van de Velde

zum siebzigsten Geburtstage

Am i 3. April vollendet Henry van de Velde sein siebzigstes Lebensjahr. Der Belgier hat
den besten Teil seiner Arbeit — zwischen 1900 und 1914 — in Deutschland geleistet
und mit seinem merkwürdigen Talent befruchtend gewirkt. Er war Maler gewesen — im
Sinne der Neo-Impressionisten und van Goghs — und, auf den Spuren des Engländers
Morris, zum Kunstgewerbe übergegangen, als er nach Deutschland übersiedelte; zuerst
nach Berlin und dann, als Leiter der Kunstschule, nach Weimar. Er gehörte jener
Gruppe von Begabungen an, die von der Malerei zu einem reformierten Kunstgewerbe
und zu einer neuen Baukunst gelangten; er war Genosse von Obrist, Behrens, Pankok,
Olbrich, Josef Hoffmann, Riemerschmid, Endell usw. Unter ihnen war van de Velde der
eigenartigste, anregendste und geistig willenskräftigste; er hatte von allen die naivste
Phantasie, als Gestalter und als Denker. Das liegt jetzt zwanzig Jahre zurück. Von sei-
nen Formen ist unmittelbar wenig geblieben: einige Möbel, Bucheinbände, Silberarbeiten,
Ornamente, Bauten in Brüssel, Weimar, Jena, Chemnitz und die programmatischen
Schriften; mittelbar aber ist er immer noch gegenwärtig. Was er den „neuen Stil" nannte,
war mehr als eine Ideologie; es war die mit noch gebundenen Mitteln realisierte Schau
einer neuen Zeit, die sich jetzt erst in ihren Umrissen zu zeigen beginnt. Van de Veldes
Schallen und Denken war voller lebendiger Tradition, und eben darum auch Ankündi-
gung einer intuitiv vorweggenommenen neuen Wirklichkeit. Eine echte Führernatur, ein
rassiges Temperament, das wie ein Sauerteig gewirkt hat. Von ihm und seinen Arbeiten
ist damals oft in diesen Heften die Rede gewesen.

Nach dem Ktiege ist van de Velde uns aus den Augen gekommen. Er ging nach Holland
und erhielt dann in Belgien eine Lehrstelle. Heute aber grüßen wir den kühnen Funk-
tionär des neuen Stils in dankbarer Erinnerung dessen, was er uns einst war.

Karl Scheffler

Im Ermeler-Haus

Im Ermeler-Haus, das vom Märkischen Museum verwaltet wird, sind jetzt fünf Räume
des oberen Stockwerks mit dem Nachlaß des Berliner Sammlers Alfred Cassirer einge-
richtet worden. Die Sammlung, die der Stadt leihweise zur Verfügung gestellt worden
ist, wurde in diesen Heften schon ausführlich beschrieben fJanrKang 28, S. 450 ff.). So
bleibt bei dieser Gelegenheit nur zu sagen, daß die Kunstwerke durch W. Stengel aus-
gezeichnet aufgestellt worden sind, daß die Bilder und Plastiken des neunzehnten und
die Möbel des achtzehnten Jahrhunderts in den Räumen des alten Berliner Hauses sehr
schön zur Geltung kommen, und daß sich auch in diesem Fall wieder zeigt, wie sehr
der begabte Sammler — dessen wertvollen Teppiche in der Islamischen Abteilung unserer
Museen ausgestellt sind — für die Öffentlichkeit gesammelt hat, während er klug und
passioniert nur seinem Trieb folgte.

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