Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 18.1865

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Was träumt das Volk dort? — Aus der stcin'gen Erde
Erblüht durch Zaubcrschlai, ein Paradies,

Und Freude rings: cs dreht an jedem Herde,

Beim Bauer selbst, ein Hühnchen sich am Spieß.

Zn Wonne schwelgen Wühler und Philister,

Und von der Wilhelmshöhe tönt cs her:

Wir haben jetzt freisinnige Minister! —

Ach, daß cs Wahrheit doch, kein Traum nur war'!

Was träumt Ihr, Herr? — Bom Fels ;um Meere breitet
Ter Adler kräjlig seine Schwingen aus,

Und aus der holden Iah de Busen gleitet
Tcs Adlers Flotte in das Meer hinaus.

Und ihn als Meister, als Reichskanzler grüßen
Tie Böller rings, die Thälcr und die Höh'n!

Tie Eh arte Wald eck liegt besiegt zu Füßen —

Ein Traum nur ist's, doch ist er gar so schön!

Äladderadalsch.

Sertin nfs Weltstadt,

oder:

Mutmaßlicher Polizeibericht aus dem Jahre 1875.

Verschwunden sind in der Nacht vom 2. zum December 279 Per-
sonen. darunter 85 Gebeime Räthe. Dagegen sind die in der vorhergehenden
Nackt verschwundenen 327 Personen sämmtlick in Häuserruinen, unter Rinn-
steinbrücken, in Stadtmauerlöchern, in bohlen Bäumen :c. im Zustande des
NichllebenS wieder ausgefunden. Dieselben wurden sofort auf der Anatomie
ikelettirt. die fehlenden Wirbel ?c. durch Gänse knocken ersetzt, und können
die betretenden Gerippe daselbst täglich Vormittag- von 10 bis 12 Ubr von
ihren Angehörigen recognoicirt werden. Entree 5 Sgr., Kinder unter Jahren
die Hälfte.

An gefunden haben sich in einem sehr liefen Keller in einer unheim-
lichen Gegend zwei ältliche wohlhabende Herren. Dieselben können gegen ein
Lösegeld von je 10,000 Tblrn. sofort wieder abgebolt werden. Wo? sagt da-
Jntelligenzcomplott.

Gestern Vormittag um 12 Uhr wurde unter den Linden ein OmnibuS
auf der Strecke zwischen dem Oranienburger und Halleschen Thor von Spitz-
buben ausgeplündert. In 8 Tagen nun schon zum zwanzigsten Male vorge-
kommen! — Zn derselben Zeit entwendete ein Taschendieb in der Oranien-
straße zwei eiserne Oefen und 5000 Stück Mauersteine, und gelang eS ihm.
trotzdem er heftig verfolgt wurde, mit seiner Beule zu entkommen.

Am 1. d. war ein junger Mann so unvorsichtig, im gefrübstückten Zustande
mit der Hutkrämpe gegen ein neugebautes fünfstöckiges Haus in der Trichinen,
strahe anzurennen. Das Haus verlor natürlich sofort das Gleichgewicht und
nel auf ein dabinterstebendeS neugebautes sechsstöckiges Haus, welches in Folge
testen gleichfalls umkippte. Zum Glück besaß ein vorübergehendes kleines
Mädcken die Geistesgegenwart, das einstürzende Haus so lange mit den Händen
auszuhalten, bis die Feuerwehr zur Stelle war. Der junge Mann wurde sofort
verhaftet.

Auf Veranlastung deS Magistrats veranstalteten gestern die Unternehmer
der secks durck die Commandantenstraße gelegten Pferdebahnen eine Wettfahrt,
indem man die Absicht batte, dem Sieger in diesem Wettkampf die dennitive
Eoncession zu ertheilen. Alle Wagen waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Leider waren gerade in dem engsten Theile der Eommandantenstraße mehrere
zahme Omnibusse umgestürzt, so das; an dieser Stelle ein großartiger Zu-
iammenstoß erfolgte. Da 'cknelle Hilfe Nolh Ibat, so wurde die Unglücks-
stätte sogleich von mehreren Puncten photographisch ausgenommen.

In der vergangenen Nackt wurden die Bewohner der Leipziger und
Friedricksstraße wiederum durch fast ununterbrochenes Revolverichießen in ihrem
Scklaf gestört. Man sollte dock wirklich so rücksichtsvoll sein, im Intereste
der friedliebenden und nachtschlafenden Bürger sick bei kleinen Rencontres nicht
detonirenter Waffen zu bedienen! (Beliebig fortzusetzen.)

Nackdem sick der Maler W int erb alter herbeigelassen. daS Portrait
einer Demoiielle Fiocre in Paris für ihre Verehrer zu malen, wollen ihn,
nickt nur einige hohe Damen, sondern auch einige hohe — Orden nicht mehr
sitzen. _

Der Landralh von Uoung vcrtheidigt sich gegen die Anschuldigung,
den Staatsanwalt Mcver beleidigt zu haben. damit, daß er am Gal len-
lieber litt, als er die Beleidigungen niederickrieb. Der Herr Landratb sollte
dock aus eigener Erfahrung wissen, daß überhaupt nur solche Schriftsteller
bestraft werden, denen — die Galle üb erläuft.

Der Bewaffnung des An baltischen Bundes-Eontingents stebt eine Ver-
änderung bevor. Tie Truppen sollen, wie man uns schreibt, eine neue Art
von Büchsen erhalten, nämlich — Sparbüchsen, deren vorläufig eine bei
jeder Compagnie eingeführt wird zum Ein'chießen — „freiwilliger "
Beiträge zur Errichtung eines Denkmals für den ältestregierenden Herzog.
Man verspricht sick von kie'en Büchsen Erfolge, welche die der bisherigen
Waffen weil übertreten 'ollen.

<für die JJetfjeifigten.

Dir beeilen uns, den jungen Herren Ecllegen hierdurch mitzutheilen, daß
die große Este der königlichen Thierarzneischule so auSgereichert worden,
daß der bequemere Eingang zum neuen Anatomiegebäude nunmehr der freien
Benutzung übergeben werden konnte.

Einige Medicincr.

In Müncken ist, wie die Zeitungen berickten, mit Patienten des
Militärhospitals daS Experiment gemacht worden, wie weit Kranke den Lärm
von Kanonendonner, Gewebr'alven, Musik und Trommeln ertragen können.
Das Rc'ultat war. wie es beißt, ein sebr befriedigendes. Zumal bei Nerven-
kranken soll durch einen dickt vor dem Ohr des Patienten abgeseuerten
Kanonenschuß oft das plötzliche Ende der Krankbeit berbeigeführt
werden. Nachdem sick berausgestellt hat. daß 'Ich durch derartige Erpcrimente
die Anzabl der Krauten bedeutend vermindert, gedenkt man weiter vor-
zugeben und zu untersuchen. in wie weit Kranke noch andere, gesunden Leuten
nicht zuträgliche Einflüsse, wie die von Frost, Hunger und Näffe u. s. w. ertragen
können.

% u t c r Rath.

Merkst du an dir. du werdest alt.

Fühlst Hang du zur Vermeverung:

Schaff' dir ein Gallenlieber an

Zwei Jahr vorher, und du bleibst — jung.')

Dem Fürsten von Thurn und TariS geht es sehr in die Krone, daß
er ein Juwel auS der seinigen verlieren soll, nämlich das Postregal in
Nassau. Der erlauchte „Postsürst" hat durch das ihm per Bundesacie
verliehene Reichspostlehen mehr als 50 Millionen Gulden gewonnen.
Und wie ist das Publicum dabei gefahren!?!

»Das stch in die'eur Jahrhundert noch in Oesterreich zutragen wird,
dürfte die Geschickte der Französischen Revolution zu einer Geßner'schen Idylle
machen" — sagte der große Seher an der Themse kur; vor seinem Ende.
Das Jahrhundert ist zwar noch lang, aber die Hoffnung verkürzt alle Zeit.

Nach den neuesten Mittheilungen des Pr. Reinecke in Hagen scheinen
in Preußen nicht nur die Schritt- sondern auch die Weichensteller ihren

Beruf verfehlt zu haben. Warum berufen sie sich nicht auf-die

Menschlichkeit?

•) Kann man »Iung" nickt aucb mit einem Pp'ilcn sckrerben'

Der Lktzer.
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