Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 48.1895

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aarbrttcken.
Zlerr 2. August ,870.
..-


,crcrvpvi'rckc'rr l'ieczt inr SlxiC dev Screrv,
Dcrrrcberr ScnrcL Jolienrn,
Dcr kirre; irr Deutsckkcrrrds gvotzern 2<rl)v
Kirrsirncrl's öcrs Schienen enr.

Aci fing ev nn, dev gvotze Avieg
Mit Mitvnill'erllenkl'nng,
Der rvcrv's, rvo ER den evsterr „Sieg
Zerr l'ehterr Sieg evvnng.

"

Z>n wcrv's, wo ER gestnnden sicrl
Wnü neben il>,n dev Wvirrz,
Dcr fnnd die „Aenevlnnfe^ l'intt
Des ünisevl'ichen Minds.
Zum evsteri rrnd zrurr l'ehterr Wnl'
Irr: gnnzen Kviege stnnd
Dcrnrcrks dev Aeind, rnit Mtei nrid SLnbk
Diewebvt, nuf dentl'cbein Lnnd.

Irr Krrndevttnnfend lvobi' gel'cbnvt
Wetvnt ev es nncbbev,
Doch wnv's ein Anufe nndvev DvL.
WuLhfos nnd ohne Wehv.
Ivüb zog rnrd ohne Song und Ktnng
Dns Ivnrrkveich ev Hinnus,
Dn ivnv's init und rnii
Empire und nll'ern nrrs.
Snnvbvücken, dein wivd heut uevgnügt
tz-edncht bei gol'dnenr Wein.
2-elI stnrrd, ob ER nuch hnt gel'iegl,
Dovt schon die WnchL cnn Whein.
Annn rnit dein Schwevt, dns devbe schtngL.
(King nov sie rrird schlug zu —
Wird wie vorn Stuvrnwind rveggefegt
Wnv ER und SEIN Loulou.
Kladderadatsch.

Rathschläge für Interviewer.
1. Wer einen Bulgaren zu interviewen nntcrninnnt, lasse sich alle
Taschen zunähen — damit ihm nicht von den wackeren Renten
)linbel hinekngcsteckt iverden.
2. Rn die Uhrkette lege man statt des üblichen Hausschlüssels einen
kleinen Revolver.
:j. Tie Ohren verstopfe man mit Schießbaumwolle.
l. Tic Ermordung von Staatsmännern betrachte man von vornherein
als eine interne Angelegenheit des Landes, wo der Mord statl-
gcsnnden hat.
TaS Wort „Grmordimg" vermeide man nnd spreche von „Mitteln,
ein Volk mil (Gewalt glücklich zn machen".
l!. Ist von Niederlagen die Rede, so verstehe man darunter Waffen-
niederlagen.
7. Hört man, das Ministerium wolle seinem Fürsten gehörig dienen,
so schlage man im Wörterbuch unter „Mörderbande" nnd „ab-
mnrksen" nach.
8. Taufe eines Prinzen heißt so viel wie „daran glauben müssen".
!). Ist von dem Opfer Abrahams die Rede, der seinen Sohn habe
schlachten wollen, so vermeide man die Bemerkung, daß dies Mal
außer Boris auch das Schaf übrig geblieben sei.

Jür die höhere Diplomatie.
Eine Berliner Zeitung erklärt die Unterhaltung von Botschaften für
einen überflüssigen Luxus. DaS ist zweifellos richtig in einer Zeit, wo
selbst die bestehenden Republiken noch nicht mit einer derartigen (Einrichtung
gebrochen haben. Möge Deutschland ihnen ruhig auf dem Wege der Ab-
schaffung vorangeheu. Tie Reichsregierung braucht in der Thal keine
diplomatische Vertretung, denn in allen Hauptstädten der Welt ist ja eine
solche Fülle von Eorrespondenten für politische Blätter vorhanden, daß ein
Abonnement ans diese unbeeinflußten, unbestechlichen Organe vollkommen
genügt, um sich über die Stimmung an fremden Höfen zu unterrichten,
(sin Eorrespondent ist, wir erleben es fast alle Tage, immer besser unter-
richtet als eilt Botschafter, der so viel Geld kostet. Sollte sich einmal die
Benutzung der in Vorschlag gebrachten Quelle als unzulässig erweisen, so
bleibt immer noch der Ausweg, diplomatische Reisende zu entsenden. Diese
erhallen den Auftrag, für die Firma des Reichs die politischen Geschäfte
in dringenden Fällen zu vermitteln, und man kann zu diesem Zweck billige
Kräfte mit leichter Mühe erhalten. In manchem Geschäftshaus, in mancher
Nedaclion sitzt jahrauSjahrein ein jungcrMann,derDrang nach.Höhercm in sich

spürt. Einen solchen wählt man aus, und gegen billige Tagesspesen klappert
er alsdann die verschiedenen Hose ab. Tie einfache herzgewinnende Frage
„Nischt zu politisiren?" öffnet ihm sofort die Herzen aller Minister, mit
denen er zn verkehren hat, und aus seinem Musterkoffer legt er ihnen zur
Auswahl Ultimata, Trotz- und Friedeusnoten vor.


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.1



Tie empfangenen Aufträge notirl er dann gewissenhaft und bittet um
Erhaltung der Kundschaft unter Zurücklassung seiner diplomatischen Ge-
schästskarte.
Eigentlich sind auch die Minister des Auswärtigen in den einzelnen
Staaten ebenso überflüssig wie die Botschafter und Gesandten, und man
könnte vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und mit der Führung
ihrer Angelegenheiten irgend einen älteren, aber beschäftigungslosen Rechts-
anwalt und Notar betrauen, der nach dem Tarif der Gebührenordnung
zu honoriren ist.
Im Sachse rrivald.

Gr denkt zurück an jene große Zeit,
Als noch so ganz man ihn nicht kannte
Jenseits des Rheins, als noch — wie liegt das weit! —
Man einfach ihn ^1. cke IZi^marok nannte.
Gin Blatt hat er soeben durchgclesen,
Das hält er lächelnd in der Hand und spricht:
„Was für ein Dummkopf doch gewesen
Der Bencdetti - - nein, das glaubt man nicht."
Und wie er dann ein wenig weiter
Hat hin und her bedacht den Fall.
Fügt er hinzu, nicht ganz so heiter:
„Tmnmköpfc freilich gibt eS überall."
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