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107

Schultze. Wodrum lässt Miquel eigentlich durch die Zeitungen ver-
breiten, des; er Zahnschmerzen hat?

Müller. I. er will beweisen, des; er noch Zähne hat.

Schnitze. Jezeigt hat er je oft genug.

Müller. Wenn er man nich in seinen Zustand ns neue Steuern
verfällt, um sich die Zeit zu vertreiben.

Schnitze. Us 'ne Huldigungstelegrammsteuer!

Müller. Wer wees;! Jnbringen würde se 'ne janze Menge.

Drei Brüder.

Es waren einmal drei Brüder,

Drei Zweige eines Stamms,

Doch waren ihre Glieder
Ungleich und auch ihr Wams.

Der erste sprach zu den andern:

„Es ist eine harte Nuß,

Doch müsst ihr weichen und wandern
Vor mir. dem Celsius."

Der zweite sprach vernichtet:

„Nun gut, ich weiche dir;

Du hast mich zu Grunde gerichtet,

Den braven Nöaumur."

Der dritte stand gebrochen
Von schwerem Herzeleid.

Er hat kein Wort gesprochen,

Der arme Fahrenheit.

Der zufriedene Bauer.

Die „Staatsbürger-Zeitung" spricht in einem Leitartikel den Wunsch
auS, unsere gejammte Landbevölkerung innerlich zufrieden und glücklich zu
sehen,- und jagt dabei: „Der gemüthstiese Matthias Claudius in
Wandsbek hat dem Bauernstände seine besten Lieder gesungen. Wie
prächtig klingt sein „Abendlied eines Bauern" aus:

„Es leuchtet uns bei unserm Mahle
Der Mond jo silberrein
Und guckt von oben in die Schale
Und thut den Segen drein."

Da die ordinären Bauern mit wenigen Ausnahmen schon jetzt ganz
zufrieden sind, so hat die „Staatsbürger-Zeitung" wohl mehr die vor-
nehmen Bauern oder Edelbauern im Sinn, die sich früher nach der Sille
ihrer Väter Gutsbesitzer oder Rittergutsbesitzer nannten. Möge es dem
erfinderischen Dr. v. Miquel gelingen, durch die von ihm schon in Aus-
sicht gestellten agrarischen Mastregeln auch diesen Herren die Zufriedenheit
zu geben, die in dem Gedicht des wackern Claudius so hübsch zum
Ausdruck kommt.

Am Aodensee.

(Nach Eich end o rss).

Ueberm Garten durch die Lüste
Riecht es plötzlich nach Benzin:

Es bedeuten diese Düfte:

Aufgeschwebt ist Zeppelin!

Jauchzen möcht' ich, möchte weinen,

Ist mir's doch, als könnt's nicht sein;
Doch er steuert mit den Seinen
In den Mondesglanz hinein.

Und der Mond, die Sterne sagen's:
Jeden Abend wird's jo sein!

Und die ganz Beherzten wagen's,

Denn es fährt sich gar zu sein.

Wenn chinesischen gesandten.

Im Aufträge der „Volkszeitung" und des „Vorwärts" hatte ich
mich zum chinesische« Gesandten begeben, um endlich authentische Auskunft
über das zu erhalten, was eine seile ossiciöse Presse hartnäckig als „Wirren
in China" bezeichnet. Seine Excellenz empfing mich im Arbeitszimmer
und bot mir mit einer liebenswürdigen Bewegung einen Platz zum
Stehen an.

„Der kleine Unfall, der unfern Gesandten in Peking betroffen hat",
begann ich, „dürfte hoffentlich Ihrer Majestät der Kaiserin von China
keinen dauernd ungünstigen Eindruck von der Umsicht der europäischen
Diplomatie hinterlassen haben?"

Ein gütiges Lächeln des Interviewten zerstreute meine Besorgnis;.

„Wir bedauern tief", fuhr ich fort, „das; aus einer solchen Lappalie
Capital geschlagen wird; ganz Deutschland, so weit es sich in der Abonnenten
zahl unserer Blätter verkörpert, ist entrüstet über die chauvinistisch geschürte
Aufregung gewisser Kreise, die in das gesunde Erwerbsleben des Volkes
eingreisl und den Berkehrsdusel nach dem fernen Osten in so gemein
gefährlicher Weise gesteigert hat."

Ein erneutes gütiges Lächeln ermunterte mich sortzusahren.

„Wir sind empört über das hinterlistige Benehmen der Mächte; wir
wünschen den Frieden mit China und protestiren gegen jede Einschränkung,
die der so gesunde Boxersport erfahren soll.

Heimtückisch sind Ihre armen Landsleuten in Tat« überfallen worden,
heimtückisch haben die Vertreter der Mächte versucht sich Pekings zu be
mächtigen, und nun sollen wir Millionen über Millionen — hier bebte
meine Stimme vor Aufregung — zahlen für kostspielige Expeditionen.
Würde es nicht genügen, einen findigen Reporter in Peking zu stationiren,
der uns täglich, die Zeile zu 10 Pfennig, über die Vorgänge in Ihrer
Hauptstadt unterrichtet? Allenfalls könnte mau ja die gewandte Bertha
v. Suttner hinschicken, die. wie Beispiele beweisen, erfolgreich für den
ewigen Frieden gewirkt hat. Mir dreht sich das Herz im Leibe um, wenn
ich bedenke, das; die arme chinesische Bevölkerung jetzt mit der Eiuquartirung
der auch bei uns so unbeliebten und unpopulären Soldateska bedacht werden
soll. Mit Eisenbahnen will man China „beglücken", als ob nicht genug
andere Beförderungsmittel vorhanden wären; die aus den Verkehr der
Wallfahrer angewiesenen Bonzen sollen in ihrem Erwerb geschädigt werden
durch Missionare, deren Beruf nun doch einmal der Märlprertod ist, dem
sie zu entfremden sich jede Macht hüten sollte! Nein, diese Barberei. diese
Vergeudung von Gut und Blut, diese culturseindliche Action, die."

Hier winkte der Gesandte mit der Hand zum Zeichen, das; die Audienz
von ihm wegen anderer dringenden Geschäfte — ich glaubte aus seinem
Gesicht Spuren von Uebelwerdeu zu bemerken — ausgehoben wurde, und
von kräftigen Dienerhänden wurde ich hinausgeleitel. Als die Thüre hinter
mir zuflog, vernahm ich den Nus, der mich mit Stolz erfüllte:

„Hoch lebe das Vaterland!"

Das neue Militärarrestgebäude in der Lehrlerstraste zu Berlin enthält
Ossicierszelleu, die zweifenstrig und mit elektrischen Klingeln versehen sind.
Da sieht man wieder einmal, das; für das Militär stets reichere Mittel
verfügbar sind als für das Civil. Warum richtet mau im Moabiter Unter
suchungsgefängnist nicht Regierungsreserendarzellen ein, die ebenso aus
gestattet sind? Neben dem Knopf der elektrischen Leitung müßte ein Zettel
mit der Aufschrift angebracht sein: „Man bittet gefälligst zu klingeln:
einmal dem Gesängnistdirector, zweimal dem Staatsanwalt, dreimal dem
Untersuchungsrichter."

Hierzu zwei Beilagen.

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