Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 54.1901

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Morrd und HodtschLag.

Wom Höerkriegsgerichtsrath Wunderlich.

^^anz Deutschland wundert sich darüber, daß mein verehrter College
Meyer, wenn er bei dem Proceß in Gumbinnen den Marten
. einmal für schuldig hielt, nicht die Verurlheilung wegen Mordes be-
antragt, sondern sich mit dem Todtschlag begnügt hat. Das ist die
oberflächliche Ausfassung des Laien, der Jurist weih, daß das, was man
nach dem alten Schlendrian als Mord bezeichnet, meist nur ein Todt-
schlag ist, weil das wichtige Moment der reiflichen Ueberlegung fohlt.
Ich will dies kurz an einigen älteren Criminalfällon Nachweisen, und
zwar an solchen, die auch dem großen Publicum bekannt sind und noch
immer ein gewisses Interesse haben.

. . Ich bespreche zunächst das bekannte Attentat, das Moros auf den
Tyrannen Dionysios machte. Das war kein versuchter Mord, sondern
nur ein Todtschlagsversuch. Hätte Möros den Anschlag von langer
Hand geplant gehabt, so wäre er gewiß nicht direct in die Höhle des
Löwen eingedrungen, sondern hätte eine Gelegenheit abgewartet, wo er
den Tyrannen draußen traf. Ich denke mir die Sache so. Möros
kam eines Tages zufällig an dem Palast des Herrschers vorbei und sah
neben der Thür das Schild mit der Inschrift: „Dionysios, Tyrann".
„Ha", dachte er, „Tyrann? Tyrann? Von dem werde ich gleich ein-
mal die Stadt befreien!" In seinem Viereifer, wie College Meyer
so treffend sagt, lief er, vielleicht laut mit sich redend, die Treppe hin-
auf und wurde natürlich von der Palastwache festgenommen, Daß
Möros einen Dolch bei sich trug, ist nicht ausfällig und läßt nicht auf
prämeditirten Mord schließen. Die Zustände in Syrakus waren damals
gewiß nicht besser als heute, deshalb sagte sich Möros: „Man kann
nicht wissen, wozu ein Dolch unter Umständen gut ist." So hat nach
der scharfsinnigen Auffassung des Collegen Meyer ja auch Marten
die scharfe Patrone schon vor langer Zeit für alle Fälle zurückgelegt.
Er wollte keinen bestimmten Menschen damit tobten, er sagte sich nur:
„So ein Ding läßt sich immer verwenden."

Sicherlich hat auch Dionysios die Sache so aufgefaßt. Einem
Mörder hätte er schwerlich Brüderschaft, angeboten, mit einem Manne,
der nur einen Todtschlag versucht hatte, war das etwas anderes. Auch
Schiller ist offenbar dieser Ansicht gewesen; einen kaltblütig berech-
nenden Mörder hätte er schwerlich zur Hauptperson eines Gedichts ge-
macht, das doch vor allem dazu bestimmt war, in den Schulen declamirt
zu werden. Beweisen läßt sich das ja nicht mehr, weil der Thäter und
die Zeugen längst tobt sind, aber dafür haben wir die freie Beweis-
führung, d. h. ich folge einfach meiner Ueberzeugung und weiß, daß
ich damit das -Richtige treffe.

Ich komme nun zu dem zweiten Falle, den zufälliger Weise der
wackere Schiller ebenfalls behandelt hat, nämlich zu der Tödtung des

Landvogts Geßler durch den Wilhelm Teil. Hier von einemMord
zu sprechen, ist lächerlich, es ist der Todtschlag, wie er im Strafgesetz-
buch steht. Teil hat sich nichts vorgenommen, nichts überlegt und ge-
plant, ec nimmt sich überhaupt nie etwas vor, sondern läßt die Dinge
ruhig an sich kommen. Während die übrigen Schweizer sich mit wahrem
Biereifer, wie College Meyer so treffend sagt, in die Verschwörung
snirzen und auf dem Rütli lange Reden halten, bekümmert sich Teil
grundsätzlich nicht um Politik, Erst das zufällige Rencontre, das er selbst
mit dem Landvogt hat, erbittert ihn gegen diesen, wie ich selbst zu-,
gestehen mutz, wenig sympathischen Herrn. Die schlechte Behandlung
auf- dein Schiffe thut dann das Ihrige, um das Faß seines Grolls zum
Ueb erlaufen zu bringen. Als er glücklich ans Land gesprungen ist,
fährt ihm plötzlich der Gedanke durch den Kopf: „Schieß den Kerl
lieber tobt!“ Er befindet sich in voller Erregung, der Fischer, den er
ain Ufer trifft, sagt zu seinem Jungen: „Er scheint wie außer sich zu
sein." Nun läuft er in scharfem Trabe über Lowerz auf einem Nicht-
wege nach der hohlen Gasse, und nachdem er sich dort eben ein bischen
verpustet und den bekannten Monolog hergesagt hat, vollbringt er den
Todtschlag. Man sieht, wie er vom Moment des Apfeljchusses an gar
nicht mehr aus der Aufregung herauskommt, wie von irgend welcher
Ueberlegung gar keine Rede ist.

So hat offenbar auch Schiller die Sache angesehen. Einen
ordinären Mörder hätte er wohl nie zum Helden eines Stücks gemacht,
aber einen Todtschläger, warum nicht? Man darf sich nicht dadurch
beirren lassen, daß Teil selbst sagt:

„Sie alle ziehen ihres Weges fort -

An ihr Geschäft — -und meines ist der Mord I"

Schiller wollte hier einen Reim anbringen, und daß man auf „fort"
nicht „Todtschlag" reimen kann, sieht wohl jedes Kind ein. „Mord" Ist
hier also in weiterenr Sinne zu nehmen, als „Tödtung im allgemeinen"
oder als „Todtschlag." -So habe ich auch hier bewiesen, was ich be-
weisen wollte.

Ich werde demnächst mit meinem verehrten Collegen Meyer zu-
sammen ein Werk herausgeben, in dcni wir eine ganze Reihe von
ähnlichen Fällen in.dieser Weise analysiren und richtig llassisiciren.
College Meyer bearbeitet augenblicklich die Tödtung des Agamemnon
durch die Klytämnestra und den Aegisth, des Siegfried durch
Hagen und des Königs Duncan durch Macbeth. Der Jurist weiß
ja, -daß es sich in jedem dieser drei Fälle nicht um einen Mord, sondern
uni einen Todtschlag handelt, dem Laien aber muß das erst klar gemacht
werden. Da College Meyer mit einem wahren Biereifer bei der
Arbeit ist, so wird das Buch schon nach wenigen Wochen erscheinen können.

Die schüchterne Kreiszeitung.

Vier volle Tage fand sie kein Wort
Ueber das Urtheil beim Gumbinner Mord,

Doch rückt man ihr's mit Unrecht vor,

Daß plötzlich die Sprache sie verlor
Und sich nicht vorlaut wollte zeigen.

Die Welt verlor doch nichts dabei:

Diel lauter als andre durch ihr Geschrei
. Sprach sie durch ihr beredtes Schweigen.

Dr. Garnault in Paris hat sich Robert Koch zur Einimpfung
der Rindertuberkulose angeboten. Er will an seinem Leibe feststellen
lassen, ob die Krankheit sich von Rindern auf Menschen übertragen läßt.

Das ist wohl kauin der richtige Weg, wenn intelligente Aerzte und
hervorragende Forscher sich in dieser Weise direkt mit dem Rindvieh in
Derbindung setzen. Wenn man erst einmal das (Experiment mit schlichten
und etwas beschräntten Leuten macht, so wird nian viel sicherer zu einem
festen Resultat kommen.___

In den letzten heißen Tagen hat eine Berliner Omnibuslinie ihre
Pferde mit Strohhüten versehen, wie man das in anderen Ländern
während der heißen Zeit schon lange thut. Verschiedene Thierfreunde
haben nun beobachtet, daß die Pferde dieser Linie bei der Begegnung
mit einem Stallgenossen den Hut jedesmal durch einen kräftigen Ruck
mit den Ohren um niehrere Zoll lüfteten und einander so grüßten.

Und dabei gibt es immer noch Menschen, die den Thiecen die
Intelligenz absprechen wollen!

Auf dem nächsten socialdemokratischen Parteitag wird es
hoch hergehen. Es soll, wie wir hören, ein regelrechtes Ketzergericht
mit Autodafe nach mittelalterlichem Brauch abgehalten werden. Genosse
Bernstein wird barfuß und im Büßerhemde vor den Bildnissen von
Marx und Lassalle aufgestellt und zum Widerruf aufgefordert werden.
Widerruft er alles, was er gesagt und geschrieben, so soll er nur mit
Verachtting bestraft werden. Weigert er sich, so werden, da er selbst
nicht gut verbrannt werden kann, seine Schriften dem Feuer überliefert, .
er selbst unsanft aus der Partei hinausbefördert. Bei zu erwartendein
Andrange sollen nur zielbewußte Mitglieder der Partei zugelassen
werden. Das Arrangement der Feier haben Singer und Rosa
Luxemburg übernommen.

Kitchener ist amtsmüde. Besonders soll er es satt sein, jede
Woche darüber berichten zu müssen, wie viel Buren in den verflossenen .
acht Tagen getödtet und gefangen genomnien sind,' wie viele sich ergeben
haben und wie viel Stück Vieh erbeutet wurden. „Diese Waschzettel",'
soll er unmuthig ausgerufen haben, „können ja ebenso gut in London
oder in Melbourne oder sonst an irgend eineni andern Orte der Welt
geschrieben werden!" Man ersieht daraus, daß 'ihm doch noch nicht
alle Ehrlichkeit abhanden gekomnien ist. -

Wenn für einen gewöhnlichen „Sanitätsrath" schon 300 Mark zu
blechen sind, so wären doch wohl für den Titel „Commercienrath"
1000 Mark nicht zu viel/

Es müßte dann aber sehr darauf geachtet werden, daß die Taxe
vor dem -Zusammenbruch oder der Pleite eingezogen wird.
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