Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 56.1903

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Uoraussaguttaen des alten Schäfers Cbomas für das 3abr lyo;

Wras Jahr beginnt gut. Auf Tischen und Bänken des Reichstags
sowohl wie des Landtags tanzen die Mäuse herum.

Das Jahr bleibt weiter gut bis kurz vor ein Uhr, da leichte Erd»
beben stattsinden, Unbejinnlichkeit eintritt und einfache Regierungsräthe
für doppelt angesehen werden.

Der Sultan geht in sich und beschließt ein ■ anderes Leben anzu-
fangen. Er verschenkt seinen Harem an den König von Belgien und
führt an Stelle des Scherbct einen leichten Moselwein an der Hoftafel
ein. Auch soll der Mokka durch Kathreiner und das Rosenöl durch
Petroleum erseht werden. Das ist alles sehr weise gedacht, aber man
fürchtet seitden, für den Sultan.

Großer Fleischüberfluß. Im Osten der Elbe werfen die Grund-
besitzer mit Schweinen um sich, wodurch viele Personen schwer verletzt
werden. » »

Die Abgeordneten Antrick und Stadthagen gehen mit einander
eine Wette ein: wer länger schweigen kann, soll gewonnen haben, und
Rosa Luxemburg soll entscheiden. Sie setzten sich einander gegen-
über, und 3!4 Secunden lang sind sie still. Dann sagt Antrick zu
Stadthagen: „War die Pinka Meyer nicht eine geborene Mofes-
sohn?" und gleichzeitig Stadthagen zu Antrick: „Kennen Sie
Tirschtiegel?" Es war also Remis. Darauf gehen beide zum Zweck
der Einübung unter die Trappisten.

Da bei dem Rütteln an den Thronen nichts herauskommt, beschließt
Dr. Oertel, in weißer Weste das am Ranft des Baches weidende
Lämmchen zu hüten, wodurch er mehr Zeit zum Dichten bekommt und
zugleich der Landwirthschaft persönlich näher tritt.

Zum ersten Mal werden in den Reichstag Eingeborene von Deutsch-
Afrika gewählt. Es sind ihrer drei, die als Schwarze sich selbstver-
ständlich dem Centrum anschließen.

Eine Hofgeslhichle

Auf dem Hof eines Berliner Hauses verbreitete sich am zweiten
Feiertage zwischen zwei und vier Uhr Nachnlittags das Gerücht, Frau
Meyer wäre mit dem Hauslehrer durchgebrannt. Portiers wollten
sogar Näheres wissen und behaupteten, die beiden Flüchtlinge wären
mit der Untergrundbahn nach Osten abgefahren. Schultzes 2da be-
merkte, die Meyern hätte außer Kamm und Zahnbürste auch alle
silbernen Löffel, den Gummibmim und den Kanarienvogel mitgenommen.
Als die Aufregung der Hofgesellschaft aufs Höchste gestiegen war, er-
schien zum Glück Meyers Lina und erklärte alles für Quatsch.
„Etwas wird aber doch wohl dran sein," sagte Neumanns Guste,
als man sich trennte, und fügte hinzu: „Das kommt davon, wenn in
hochherrschaftlichen Familien so böse Beispiele gegeben werden.

An die Familie Humbert

Empfangt von uns Condolation zu eurem Mißgeschicke. Auch,
wir sind eingezogen schon. Die 20 Pf.-Stücke.

Das Netteste bei der Geschichte wäre, wenn Monsieur Eiron nach
den Juwelen suchen ginge und vergäße das Wiederkommen.

A. Difes-moi, monsleur, 011 es! mainienant- la princesse royale de Saxe?

v. Mais c'cst donc quelque chose .tr4s-connue: „au giron de l'aimö'.

Auch an unserer Nordküste herrscht jetzt. eine auffallend milde
Temperatur. Nur der bisherige Commandant des Linienschiffs
„Wittelsbach" soll fortwährend die Empfindung haben, als ob er
auf Erundeis säße.

Parlamentserfahrung

Am längsten redet, wer am wenigsten zu sagen hat.

Mit dem Mars wird die Verbindung durch drahtlose Telegraphie
hergestellt. Auf die von der Erde aus dorthin gesandte Depesche
„Tausend herzliche Grüße von Planet zu Planet" erfolgt eine Antwort
durch die man mit Staunen erfährt, daß Goethes „Götz von Bei«
lichingen" auf dem Mars bekannt ist.

Eine Auszeichnung für „Schriftstellerinnen, die vor nichts zurück-
fchrecken", wird gestiftet. Sie besteht aus einer goldenen Brosche mit
einem gestachelten Schweinchen.

Auf einem großen Fürstentag wirb beschlossen, die Hausgesetze,
durch die Ehen mit Unebenbürtigen ausgeschlossen werden, aufzuheben.
Zweck: Zuführung frischen Blutes und Verhinderung der Degeneration
durch Binnenheirath. Großer Jubel bei den Prinzessinnen. Sofort
heirathet eine einen Unteroffizier, eine zweite einen Dorfschullehrer,
eine dritte einen Bauernjungen, so daß Wehr-, Lehr- und Nährstand
sofort gleichmäßig berückfichtigt werden. In höheren Beamtenkreisen
dauertleider die Abneigung gegen nicht standesgemäße Eheschließungen fort.

Unwiderruflich letztes Auftreten des Grafen Pückler-Klein-
Tfchirne in der Rolle des „Bildlichen Beleidigers", der frsigesprochen
wird. Er möchte doch endlich einmal zum Sitzen kommen.

Der Genosse Ulrich macht eine Rhabarberkur durch, die ihm gut
bekommt. Die Anfälle verlieren sich allmählich.

Das Jahre 1903 enthält - eine Unglückszahl, nämlich die Zahl
dreizehn, und zwar enthält es diese Zahl zwei Mal. Erstens wird sie
gebildet durch die Anfangs- und die Endzahl, zweitens ergeben die
Zahlen dieses Jahres zusammengerechnet eine dreizehn. Trotzdem gilt
es bei den Astronomen für ausgeschlossen, daß das Jahr 1903 eher
aufhören wird, als es zu Ende ist. Allen Leuten von kurzen Gedanken,
besonders aber leichtsinnigen Schuldenmachern kann das nicht dringend
genug ans Herz gelegt werden.

Freu' dich, Berolina!

Hurrah! Der neue Bürgermeister
Berlins, mit Namen Reicke heißt er,
Bestätigt — o wie wunderbarl
Nun laß, Berlin, vom Rathhausthurme
Dein Banner wchn im Winterfturme
Und geh vergnügt ins neue Jahr!

Wie lang' schon ohne, Rast und Ruh'

Die Jahre kommen und gehn!

Ihr Ende sagt mir meistens zu,

Der Anfang ist wen'ger schön.

Ob auch verschieden die Jahre.sind
In ihrer Tage Verlaus:

Mit einem Kater jedes beginnt
Und hört mit 'nem Affen auf.

A. Biermörder, sind, cercv.
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