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Des Generalstäblers Freund

Was wälzt sich drangvoll dort die Menge
Um einen lungenkräftigen Mann?

Der schreit: „Die Feinde kriegen Senge.

Ein neuer Mörser kommt jetzt dran!

Er hat — da geht rein gar nichts drüber —
Ein sechzigzölliges Kaliber!

Ein Eeneralstabsoffizier
Erzählte mir es im Quartier!"

Und wieder ruft ein Siegesmahner:

„Hurra, wir haben über Nacht
Fünfhundert fliehende Japaner
Zu Kriegsgefangenen gemacht.

Jst's unwahr, könnt ihr mich erwürgen;

Ich habe einen sichern Bürgen:

Ein Eeneralstabsoffizier
Verkündete vorhin es hier."

Seht nur, wie dort die Leute jagen!

Ein Herr, der meldet frisch und froh:

„Hört, eine Seeschlacht ist geschlagen
Bei Leipzig oder irgendwo.

Ein Schulbekannter meiner Tante,

An den sie sich deswegen wandte,

Ein Eeneralstabsoffizier,

Der sagte es soeben ihr."

„Der Kronprinz will die Feinde schwächen
Und zieht — ich sage nicht, wohin;

Ich darf darüber noch nicht sprechen,"

Ruft einer mit gar wichtigem Sinn.

„Mich kennt — doch sagen sie es keinem —
Ein Kamerad des Herrn von Einem,

Ein Eeneralstabsoffizier;

Sein Bursche sagte mir's beim Vier."

Und wieder einer weiß zu sagen:

„Noch heute meldet Wolfis Bureau,

Zehn Honvedregimenter jagen
In scharfem Trab nach Tokio.

Mir sagte dies vor einer Stunde
Die Waschfrau, deren bester Kunde
Ist Eeneralstabsoffizier,

Sie sagte mir's vor ihrer Tür."

Groß ist die Zahl der Kombattanten,

Doch größer ist noch — glaubet mir's —

Die Zahl der Freunde und Bekannten
Des Eeneralstabsoffiziers.

„Herr Gott, o schütze mich vor ihnen,"

So betet mit besorgten Mienen
Der Eeneralstabsoffizier,

„Da sind die Feinde lieber mir!" m. fr.


Berliner -öedanfeier

Der Korrespondent des „Daily Shwainicle" in
London berichtet aus Berlin vom 2. September d. I.: Hier
ist heute die Revolution zu vollem Ausbruch gelangt. In
den Morgenstunden des 2. September strömten unermeßliche
Menschenscharen nach der inneren Stadt und scharten sich
besonders vor dem kaiserlichen und kronprinzlichen Palais,
wo sie ihrer Stimmung in wildem Geschrei Luft machten.
Den Höhepunkt erreichte die Erregung der Massen, als von
der Kaserne der Garde-Artillerie her Truppenmassen, In-
fanterie und Artillerie, herbeigerufen wurden, die sich ihren
Weg durch die Menge hindurchbrachen und eine Reihe von
Geschützen vor dem kaiserlichen Palais aufstellten, die
Mündung gegen das Volk gerichtet, jederzeit bereit, alles
niederzukartätschen. Eine Fahne, welche die Truppe mit
sich führte, war von der wütenden Menge sofort ergriffen
und zerrissen worden, so daß der Fahnenträger nur noch
die leere Stange mit einigen Tuchfetzen in den Händen
führte. Gegen nachmittag legte sich die Erregung etwas,
doch ist wohl mit Bestimmtheit anzunehmen, daß derartige
Vorkommnisse sich noch öfters in nächster Zeit wiederholen
werden. _

O deutsches Volk, nun zeige dem Gelichter,

Daß du das Volk der Denker und der Dichter!

Zeig', daß du kannst bei so bewandten Sachen
Auf alles einen Vers dir machen,

Selbst auf das ungereimtste Zeug!

Die „Times" zum Beispiel nenn' ich euch!

Wie lieblich auf die braven „Times"

Reimt sich doch — Reims! w.

Beim Zeitungshändler

A.: Geben Sie mir für 10 Pfennige Siege.

Verkäufer: Bitte, hier 60000 Russen für einen

Groschen.

A.: (Zwei Tage später.) Hören Sie mal, lieber Mann,
bei Ihrem Konkurrenten bekomme ich für 10 Pfennige
70000 Russen, bei Ihnen erhielt ich nur 60 000. Ihr
Geschäft ist nicht auf der Höhe.

Verkäufer: Ich weiß, Sie haben nicht nur 10, sondern
30000 Russen gut, die liefere ich Ihnen bei Lemberg nach.

Unser ff Berichterstatter schreibt uns aus der Unterwelt:
Viel Aufsehen erregt jetzt auf der Promenade am Styx eine
eigenartige Gruppe. Voran ein sehr beweglicher, zappelnder
junger Mensch, der beständig mit allerhand Waffen klirrt,
zwischendurch aber auch die Flöte bläst. Er hieß auf Erden
der „mobile Friede"; ein gewisser Mars hat ihm erst kürzlich
den Garaus gemacht. Neben ihm schwebt tränenden Auges
einher eine Dame namens Bertha und ruft ihm von Zeit
zu Zeit flehend zu: „Die Waffen nieder!" Dahinter aber
erscheint dann stets ein älterer, sehr umfangreicher Geist,
höchst patent in ein tartarus-mude-dress aus modernstem
Moder gekleidet, und reibt sich, soweit das bei einem Geiste
möglich ist, die Hände, wobei er murmelt: «All right, ein-
gekreist, splendid isolation». Die Gruppe schwebt über die
Asphodeloswiese und verschwindet in dem ewigen Friedens-
palast des Königs Pluto, um bei Proserpina den Fünfuhrtee
einzunehmen. _

Tempora mutantur

La France (vor vier Wochen): „jokkre, mon epee!“
Der Generalissimus (heute): „j'okkre mon epee!"

Moralitis

)) Sir Edward Erey sagte, wie die Zeitungen melden,
in einer Unterredung mit dem amerikanischen Exminister
Oskar Strauß, der Krieg mit Deutschland sei um des
moralischen Prinzips willen nötig gewesen; er nannte diesen
Krieg einen moralischen Krieg.

Der Geldschrankknacker rühmte sich, er habe seinen
Einbruch nur im Interesse der Geldschrankindustrie unter-
nommen; je mehr Geld ihm in die Hände gefallen sei,
desto eifriger werde die Industrie bemüht sein, bessere Geld-
schränke zu fabrizieren.

Der Flatterfahrer beanspruchte Lob und Ruhm; er
habe auf dem Boden die feine Wäsche der gnädigen Frau
nur gestohlen, um dem kokottenhaften Luxus dieser Dame
zu steuern.

Der Falschmünzer beanspruchte den Titel Kommerzienrat,
denn er habe dem Staat in der schweren Zeit der Geldnot
neue Mittel zugeführt und neue Werte geschaffen.

Der Mörder behauptete, durch seine Tat sich um den
Staat und das Recht wohlverdient gemacht zu haben; er
habe seinen Gegner getötet, weil dieser eine Sünde begangen
habe; er sei nämlich bei Dunkelheit ohne brennende Laterne
geradelt.
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