Kladderadatsch — 72.1919

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Wochenkalender

Montag, den 5. Mai
In dem Auge eine Träne,

Sehe ich. von Schmerz besiegt.

Das; man sich am Strand der Seine
Plötzlich in den Haaren liegt.

Dienstag, oen 6. Mai
Von der fetten, guten Beute
Wünscht sein Teil sich jeder dort.

Aber nun beißt in der Meute
Einer schon den andern fort.

Mittwoch, den 7. Mai
Woodrow glänzt als Amoroso
frommen Rechtes unentwegt.

Und Orlando furioso
Zeigt sich schrecklich aufgeregt.

Amcrilonisches Opyri^br 1 ./5 1919 by A. Hofinimn & Comp, in Berlin

Wochenkalender

Donnerstag, den 8. Mai
Prügel hat im Krieg mit Ruhme
Ja Italien eingesackt.

Aber nun wünscht es Fiume
Me auch Bozen aufgcpackt.

Freitag, den 9. Mai
Ach. trotz aller weisen Sprüche
Von den Völkern, fromm und frei.
Einmal geht ja in die Brüche
Doch die holde Duselei.

Sonnabend, den 10. Mai
In die Rechnung lasst uns stellen
Diese Brüche jedenfalls:

Schließlich von den Raubgesellen
Bricht doch jeder mal den Hals.

Kladderadatsch.

Charakter

Der Berliner Magistrat. der am Sedantage 1918. was früher nicht üblich war.
dem Kaiser überschwenglich huldigte, nahm de» iozialdcmokraiifchen Antrag auf
Entfernung der Hohenzollernbilder au» den städtischen Gebäuden und Schulen an.

„was für Kamele cinft geroden
Oie Sötcr unterer grötzlen Stabt."
, Kladderadatsch 1893. Nr. 121

Ungern verpatzt, sich zu blamieren.

Der Weise die Gelegenheit:

Oh, welche Hellen Köpfe zieren,

Berlin, doch deine Obrigkeit!

Einst, wenn der König zornig blilktc,
Zerfleischte sie der Neue Schmerz:

Und wenn der König gnädig nickte,
Fuhr ihnen das durch Hirn und Herz.

Nun aber ward er abgewimmelt.

Und alles wurde herrlich neu:

Und sie entdeckten, stark verschimmelt,
Im Busen die beliebte „Treu".

Hinaus mit ihr, was kann sie — nützen?
Sie ward ja längst doch bittrer Hohn!
Hinaus mit ihr, ihr edlen Stützen,

Ihr Kämpfer für Altar und Thron !

Einst sprächet ihr in hohen Tönen
Bon unserer Hohenzollern Macht:

Von all dem Crohen, Starken, Schönen.
Das sie in unsere Mark gebracht.

Sechs ganze Monde sind vergangen.

Seit es geschehn nach altem Brauch,
Seit eure Huldigungen klangen.

Und seit ihr rutschtet ans dem Bauch.

Heut aber sieht man euch beraten,

Ihr schwärmt fürs neueste „System".

Der Hohenzollern simple Taten
Sind überholt und unbequem.

Es könnten aus beregten Taten
Begrabener Vergangenheit
Aufkeimen fürchterliche Saaten,
Beängstigend die neue Zeit.

So steht ihr da als ernste Mahner —

Wie seid ihr schön, so stolz und wild!

Der wirkliche Republikaner

Bekämpft mit Kraft des Herrschers — Bild!

Wie? Soll man noch der Jugend schildern,
Datz vordem dies und Las geschehn?

Fort mit den Hohenzollernbildern!

Wir wollen grötzre Männer sehn!

Wie trägt die nenerworbene Bürde
Herr Ebert stolz! Ich bin perplex!

Schon schreibt voll königlicher Würde
Er Briefe wie ein echter Nex.

So tu' der „Treue" denn Genüge
Jedweder, wie er mag und kann:

Hängt auf die geistersüllten Züge
Bon Ebert und von Scheidemann!

Berlin, Berlin, du stehst im Zeichen
Der herrlichsten, der größten Tat!

Als ein Charakter ohnegleichen
Hat sich bewährt dein Magistrat.

Stürz' in die Spree den alten Reiter,

Der auf der langen Brücke ritt,

Den Alten Fritzen und so weiter
Und tu' den nächsten grotzen Schritt!

Sieh', wie der Bär in deinem Wappen
Vedrippt in diese Tage sieht,

In diese Zeit der Jammerlappen-

Ich denke an ein altes Lied!

Der alte, gute Bär, er ziere
Nicht länger Tor und Kapitül —

Berlin, nimm du zum Wappentiere
Bemüht und grotz dir das —Kamel!

Kladderadatsch
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