Kladderadatsch — 72.1919

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Amerikanischer Copyright 3./8. 1919 by A. Hofmann & Comp. In Berlin

Wochenkalender

Montag, den 4. August
Morgens, wenn die Post gekommen,
Sehe ich mit Hochgenuß,

Was den wahrhaft guten, frommen
Bürger hoch erfreuen muh.

Dienstag, den 5. August
Als ein Bild des edlen, starken
Geistes, der uns heut regiert,

Seh' ich stolz die neuen Marken.
Deren Pracht den Brief verziert.

Mittwoch, den 6. August
Zwar sie scheinen etwas mystisch.
Etwas sonderbar und so,
futuristisch, dadaisrisch,

Und man weih nicht, wie und wo!

Wochenkalender

Donnerstag, den 7. August
Goethe. Wieland, Herder, Schiller,
Kurz der deutschen Dichter Chor
Schlägt darum ein braver, stiller
Mann als Markenbilder vor.

Freitag, den 8. August
Doch wozu ins Weite schweifen!
Mensch, der du nicht Grillen fängst,
Lagt uns auf die Dichter pfeifen,
Die doch überwunden längst.

Sonnabend, den 9. August

Als Extrakt des Hirngefäßes
Nehmt und Iaht den öden Quatsch,
Nehmt als wahrhaft zeitgemähes
Markenbild den

' Kladderadatsch.

Matthias Thriumphans

Seht hin, wie ihm die volle Glorie
Der Wangen Rosenspeck umglänzt,
Zndes die duftende Zichorie
Der Staatskunst seine Hand kredenzt!
Der große Sohn von Buttenhausen,
Ein Anschuldslämmchen, weiß wie Schnee,
Spricht so, als spräch' er zu Banausen —
Wie kommt er nur auf die Zdee?

Laß ab, o Volk, von Leid und Trauern!
Noch ist dies höchste Kleinod dein!
Empfind' es tief mit Wonneschauern:
Dies Kind, kein Engel ist so rein!

Zn seiner Hut magst wohl du schlafen,
Was immer bringt der Zeiten Lauf;
Er spricht, als spräche er zu Schafen —
PotzBlitz! Wie kommt er nur darauf?

Wie lieblich muß uns überraschen
Des edlen Sängers trutzig Lied!

Nein steht er da und weißgewaschen,
Ein liebenswürdiger Jesuit!

Daß Höll' und Himmel sich vermählen,
Beweist er lächelnd, klar und schlicht;
Er spricht, als spräch' er zu Kamelen —
Warum? Ja, das begreif' ich nicht!

Er hat kein Anheil angerichtet,

Er ist der Bismarck unserer Zeit;

Er, der ein Denkmal aufgeschichtet
Der aufgeblasenen Nichtigkeit!

Mit Phrasen sieht man kühn ihn boxen,
Er redet grade, was da krumm;

Er spricht, als spräche er zu Ochsen,
And staunend frag' ich mich: warum?

Der kluge Michel fühlt mit Jubel,

Daß er mit Recht sich ihm vertraut.
Matthias stürzt sich in den Trubel:
„Haltet den Dieb!" so ruft er laut!
Die Menge rennt, mit ihm zu suchen,
And schwäbelnd schreit er so und so,
Als spräch' er zu Gehirneunuchen —
Zum Donnerwetter ja, wieso?

Der einst den Hertling angelogen,

Seht hin; da steht er „unbesiegt"!

Kein Balken hat sich je gebogen
So schön, wie er allhier sich biegt.

Da steht die gute, treue Seele,

Die Bultenhausen trug im Schoß,

And Ochsen, Schafe und Kamele
Erklären selig: Er ist groß!

Kladderadatsch
P. w.
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