Kladderadatsch — 76.1923

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-Briefkasten-

Folgende uns zugcgangene Beiträge werden unter Hinweis auf die am Schluß des Briefkastens befindliche Mitteilung mit bestem Dank abgclehnt:
Berlin.Lichterfcldc-Ost: Dr. W. R. — Berlin-Zehlendorf: Dr. R. — Gießen: H. K. — Hamburg 25: N. B. — München: P. —
Oberurscl: P. I. Sch. — Osnabrü<k: A. I. — Schwerin: A. G. M. S.

Charlottcnburg. R. E.: In der Berliner
Zeitung „Ter Westen" vom 1. Januar 1923
lesen wir: „Nachmittagsjungc, der Dreirad
fährt, sucht Licbig, Hohenzollerndamm 27a."
Hoffentlich läuft Licbig nicht zu schnell, damit
ihn der Nachmittagsjungc auf seinem Dreirad
einzuholen vermag.

Ebcrbach a. Neckar. Dr. F.: Ihre uns freund»
lichst cingcsandten Belege für die Entwick-
lungsstusen vom Kaiserlich Deutschen Reichs,
adler bis zum einfachen republikanifchcn
Telegra—Lieh auf den Marken, die die Reichs-
telegraphic verwendet, haben uns viel Vcr-
gnügc» bereitet.

„Zuerst entledigte der Adler sich
Des schändlichen Wortes: .Kaiserlich"

Und dann des Wortes „deutsche" und der Krone!
Na, aber so'ne-!

Elmshorn. P. K.: In Nr. 257 der „Elms-
. Horner Zeitung" lesen wir: „Hohenhorst, 1. No-
vember. Eigenartige Ferien hatten die Kinder
unserer Schule in diesem Herbste zu vcr>
zeichnen. Die Schule war seit den Hcrbstfcricn
nicht mehr gereinigt worden. Infolgedessen
hatte sich in den Klassen, den Fluren und den
Aborten soviel Schmutz angcsammclt, daß ein
Unterricht in diesen Räumen unmöglich war7"
Ter Unterricht in den Aborten kann sich doch
sozusagen nur auf die elementarsten und natür-
lichsten Pflichten eines Staatsbürgers beziehen;
und da hier einzig und allein ein Anschauungs-
unterricht in Frage kommt, der die Lcrnach-
lässigung dieser Pflichten in drastischer Weise
zeigt, so wäre von diesem Gesichtspunkt aus
gegen das heutzutage bestehende Prinzip, diese
Räume möglichst wenig zu reinigen, in päda-
gogischcr Beziehung nichts cinzuwcnden.

Greiz. Dr. Eh.: In Nr. 203 des „Grcizcr
Abendblattes" wird „Aus den Gerichtssälcn"
von einer Gerichtsverhandlung gegen die
Arbciterchcsraii Margarete Maaß in Leipzig
berichtet: zum Schlüsse heißt cs: „Das Schwur-
gericht Leipzig, wo Frau Maaß behauptete, sic
habe die ganze Schiebung nur ins Werk gc>
seht um ein Kind zu haben, ohne jede böse
Absicht, wurde zu sieben Monaten Gefängnis
verurteilt." „Dieser Berichterstatter der
Themis", meinte lächelnd unser Mitarbeiter
Bicrmörder, „muß sich, als er sein Schriftstück
verfaßte, in einem Stadium tiefgründiger und
wohltuender Besoffenheit befunden haben."

Hörde. Dr. W. F.: Nr. 261 des „Härder
Volksblatts" veröffentlicht ein Gedicht „.Heimat-
klänge" (von P. Lcngcr): die Schlußstrophc lautet:
Da wurde das Herz mir so warm und so weit,
So wonnig zog mir's durch die Glieder.

Wenn heute ich auch wohl von hier scheid',

O Heimat, einst kehr' ich doch wieder."

Aber Paul, ein Versprechen mußt du uns
feierlich abgebcn: Wenn du einst wiedcrkehrsl,

mußt du auch wieder dichten. Das mußt du
versprechen. Hier stehen wir, wir können nicht
anders! Es ist zu schön!

Hamburg. K. A.: In Nr. 196 des „Deut-
schen NcichsanzeigerS und Preußischen StaatS-
anzeigcrs" beginnt eine „Öffentliche Zustellung"
mit den Worten: .Öffentliche Zustellung. Die
Witwe des Polizeiwachlmcisters Kiesow,
Martha geb. Krull, in Wollin, und deren
minderjährige Tochter Dorothea Kiesow da-
selbst, vertreten durch ihre Mutter, Prozeß-
bevollmächtigte: Rechtsanwälte Dr. Brock und
Dr. Beer in Stettin, klagen gegen den Händler
Friedrich Winter, angeblich in Stettin,
La stad ie 23, wohnhaft, jetzt unbekannten Aufent-
halts, auf Grund der Behauptung, daß der Be-
klagte am 29. 'November 1921 den Ehemann
bzw. Vater der Klägerin vorsätzlich erschossen
habe und dieser unerlaubten Handlung schadcnS-
crsatzpslichtig sei." Nach den Erlebnissen der
nachrevolulionärcn Zeit, erscheint es allerdings
notwendig, zu betonen, daß die von dem
Händler Friedrich Winter begangene Tat zu
den unerlaubten Handlungen gehört; man hätte
nur noch hinzusctzcn müssen, daß sic auch zu
den strafbaren gezählt wird.

Leipzig. E. St.: Nr. 357 der „Leipziger
Neuesten Nachrichten" verössentlicht die Ant-
wort des Reichskanzlers an die Gewerkschaften;
darin heißt es: „Tic Regierung wolle auch
Mittel sür Beamte bcrcitstcllcn, die 1922 be-
gonnen, aber nicht vollendet werden konnten."
Hier liegt die Wahrscheinlichkeit eines bös-
artigen Streiches des Drucksehlerteufcls vor,
denn um ungelegte Eier und »och nicht ge-
borene Beamte hat sich unser tüchtiger Dr.
Cuno bisher nicht gekümmert.

Mannheim. Dr. A. M.: In Nr. 163 des
„Mannheimer General-Anzeigers" lesen lvir:
„Libelle Künstlcrspicle. 2lb Samstag jeden
Wochentag 1-Uhr-Tce unter Mitwirkung des
Hausorchestcrs Bernhard Ettü und verschiedener
Kabarettkünstler. Kein Eintritt." Wenn die
Sache unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor
sich geht, darf ja das Hausorcheslcr Bernhard
Ettvs nicht einmal das alte schöne Lied spielen:
.^Kommen Sic rein, kommen Sie rein, kommen
Sic rein — in die gute Stube." Ter Wirt
der „Libelle" scheint übrigens ein starker
Sonderling zu sein, er gönnt anderen kein
Vergnügen.

Marburg <Lahn). Dr. B.: Aus einem uns
zugesandten Plakat ladet Missionar Eckart zu
religiösen Vorträgen in den Stadtsälcn in
Marburg ein; unter anderm lesen wir: „Ter
abgesctztc Gott. Ausnahmsweise in der Fest-
Halle auf dem Juxplatz. — Seliges Sterben.
Ausnahmsweise in der Fcsthallc auf dem Jux-
platz." — Es steht ein Juxplatz an der Lahn
— Da kommen seltsame Apostel an.

Münster (Westfalen). V.: In Nr. 283 der
„Münsterschen Zeitung" befindet sich folgendes
Angebot: „Fast neuer Cylindcrhut sür ältere
Damen preiswert zu verkaufen und gutcrh.
Zimmerschaukel. Warcndorserstr. 50, 2. Tür."
Welch ein kurioses Bild, sich eine ältere Dame
im Cylindcrhut aus einer gutcrhaltenen
Zimmerschaukel vorzustcllen! — In derselben
Nummer bbsindct sich die Fortsetzung des Ro-
mans „Schweigen im Walde" (von Richard
Skowronnek); darin heißt cs: „Und Tante
Amalie, die sonst so vorsichtig lächelte, daß
gerade nur die Spitzen ihrer schneeweißen
„Mausezähnchen" sichtbar wurde», hob die
schmale Oberlippe, so daß auch die beiden sonst
sorgfältig versteckten „Einsiedler" im Lampen-
lichte gelblich erglänzten, an denen dicPcrlen-
rcihe mit feinen Goldklammern befestigt war."
Es gibt auch Gesetze in der Romanschrift-
stellerei: und zu diesen gehört auch die Forde-
rung, daß der Dichter niemals die Interna
der Zahngebisse seiner Helden und Heldinnen
dem Leser in allzugroßcr Deutlichkeit zeigen
darf. Hierin kann Eourths-Mahlcr beispiels-
weise als Muster gelten, und jeder ihrer Ver-
ehrer wird ihr aufrichtig danken, daß sic nie
von Goldklammern, Stistzähnen, Zahnbrücken
oder Zementplomben spricht, sondern mit einer
zarten Andeutung sanft und milde über die
schadhaften Gebisse ihrer älteren Romanfiguren
hinwcggleitct.

Stcrnberg, Nm. Dr. Sch.: In Nr. 118 der
„Zeit" befindet sich ein Aufsatz: „Die städtische
Schlemmcrstcuer"; er beginnt mit folgenden
Worten: „Zur Eindämmung der Völlerei, der
Tanzwut und anderer Zeichen der Zeit, die
sich besonders in den in Unzahl vorhandenen
Bars, Kabaretts, Dielen und ähnlichen Luxus-
lokalen in allen größeren Städten des ver-
armten Deutschlands breit machen, ist dem
Reichstag der Entwurf zu einem neuen Schank-
stättengcsctz zugegangen, dessen Beratung mög-
lichst bald erfolgen soll und Gelegenheit gibt,
über diese meist höchst überflüssigen Bedürfnis-
anstalten der sogenannten Lebewelt ein deut-
liches Wort zu reden." Wir wünschten, diese
Lokale wären wirklich nur Bedürfnisanstalten,
dann würden wir sic nicht für überflüssig
halten und sic ab und zu sogar für kürzere

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