Kladderadatsch — 81.1928

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Berlin, den ö. Zuli 1928

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Wochengesang

Montag

Fort geht der alte Tageslauf,

'Die Leier stimm' ich heiter.
Sonnabends hört der Zauber aus,

Am Montag geht er weiter.

Dienstag

Am Dienstag wächst die Sehnsuchtspein
Der Mannen. Preist im Lied se.

Auch Joseph Wirth will Kanzler sein,
Und wär'S auch nur ein Vize.

Mittwoch

Der Wochen Mitte mahnt uns leis
An Parlamentessitte,

Da unerbittlich in den Kreis
Das Zentrum tritt, die Mitte.

Donnerstag
Am Donnerstage fährt der Mül-
ler rasend hin und wieder,

Wie er sein Kabinette süll',

Fast wirft die Sorg' ihn nieder.

Freitag

Am Freitag ist er auch nicht frei
Bon Nöten und von Sorgen.

Es sind so viele „Wenns" dabei
Für heute und für morgen.

Sonnabend

Am Samstag, wie wenn nichts geschah,
Stimm' ich die Leier heiter. —

Wie lange wohl, Germania,

Sag', müllern wir noch weiter?

Kladderadatsch.

Wieder das erlösende Wort!

Wenn im Vaterland das Kleine
Je gewann die Oberhand,

War's nicht immer dieser Eine,

Der das Anheil überwand,

Dessen Wort mit mächtigem Stoße
Daum im Chaos noch gewann,

Dieser Eine, dieser große,

Me besiegte deutsche Mann?

Hindenburg! Wir sehn ihn stehen,
Wagend in des Himmels Plan,

And das Völklein der Pygmäen
Ahnt und fühlt den großen Pan.

And es wackeln tausend Zöpfe,
Offenbar wird mancher Tropf,

And das „Kabinett der Köpfe"

Wird ein Mchts vor diesem Kopf! —

Welch ein Schauspiel, wie sich Müller
Mühte um das Portefölch,

And wie kaum uns der Grfüller
Wirth vorüberging, der Kelch!

War's nicht Müller, der als Weiser
Stieß die Deutschen vor den Kopf,

Der den neunzigjährigen Kaiser
Einst genannt „Gamaschenknopf" —

Der als Kanzlertat im Haupte
Wälzte den „Verfassungstag",

Der sich selbst ein Großer glaubte,
Was sonst keiner wohl vermag?

O man sieht mit rührungsfeuchten
Augen ihn an Bismarcks Statt,
Denn sein Dame steht mit Leuchten
Ewig im Versailler Blatt!

War's nicht Joseph Wirth, der teure
Heros, Freiburgs großer Sohn,

Der, daß er dem Elend steure,

Ans geschenkt die Inflation?
Vizekanzler Freiburgs Söhnchen —!
Freudig puppert jedes Herz.

Da — das herrliche Fraktiönchen
Saß urplötzlich auf dem Sterz. —

Denn noch wacht ein treues Auge
Aber all dem wirren Wahn:

Daß es ihm zum Besten tauge,

Einer zeigt dem Volk die Bahn.
Wirkt die Kleinheit immer kleiner,
Bis sie fast ins Nichts entschwand:
Dank sei Gott, noch waltet Einer
Sorgend überm deutschen Land!
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