Kladderadatsch — 90.1937

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WO DIE WELT DER SCHUH DRÜCKT

Die Hauptsache

Selbst das Blatt der sowjetrussischen
Schwerindustrie „Za Industrial Jsaziu"
mutz zugeben, datz der Eisenmangel in
der Sowjetunion in der letzten Zeit
katastrophale Ausmaße annimmt.

Stalin ist davon nicht beunruhigt.
Für ihn bleibt die Hauptsache, datz es
Schietzeisen für die GPU gibt.

Das Mittel

Ein sowjetrussischer Richter zwang
eine ihm untergebene Eerichtsange-
stellte zur Abtreibung des Kindes, das
er mit ihr gezeugt hatte. Er verab-
reichte ihr persönlich das Mittel dazu:
eine Mischung aus Pulver, Wodka,
Essigsäure und Senf. Wie durch ein
Wunder kam das arme Mädchen mit
dem Leben davon.

Auf der Anklagebank, die ihr der
saubere Vater androhte für den Fall,
datz sie dieses Mittel nicht geschluckt
hätte, wäre die Mutter tödlich ver-
unglückt.

In die Suppe gespuckt

In einer Fabrikkantine des Lenin-
Bezirks fand ein sowjetrussischer Ar-
beiter beim Mittagsmahl in seiner
Suppe einen Menschenzahn. Er stammte
aus dem künstlichen Gebiß des Kochs,
aus dem schon eine ganze Reihe
Kollegen des Zahnes in die Speisen
abgewandert waren. Darob der Koch
sehr unglücklich war, über die hohen
Unkosten klagte, die ihm das verur-
sache, und die Gäste himmelhoch bat,
sein Eigentum nicht etwa zu ver-
schlucken.

So darf man sich in Sowjetrußland
in die Suppe spucken lassen! Und wenn
man dann sogar noch bereit ist, sie aus-
zulöffeln, kann es einem passieren, datz
man wegen Eigentumsvergehen des-
wegen eingelocht wird.

Sowjetrussischcs Wohnungswesen

Viele Häuser in der Sowjetunion
stehen nur noch durch ein Wunder,
berichtet die Moskauer Presse.

Dazu gehört auch das Staatsgebäude.

Herrlich weit gebracht!

In der sowjctrussischen Stadt Kalinin
wurde folgende Verordnung erlassen:

„Verboten ist der Gebrauch unan-
ständiger Schimpfwörter, das Stotzen
Vorübergehender, Spott und Neckerei,
Schlägereien an öffentlichen Orten, das
Beschimpfen von Leuten, das Weg-
reitzen von Bänken, das Abnehmen
von Schildern und Stratzenlampen, die
Zerstörung von Garten- und Hoftüren,
von Zäunen und Hauswänden, sinn-
loses Schießen auf den Straßen und
Plätzen, das llmstülpen von Müll-
kisten aus den Straßen, das Anzünden
ihres Inhalts, das Werfen mit ver-
schiedenen Gegenständen nach mechani-
schen Transportmitteln, Automobilen,
Traktoren."

Diese Stadt ist das reinste Paradies.

Ein Opfer der Zeit

Ein französischer Friseur in Dieppe
wurde verurteilt, 10 Franken Strafe
zu zahlen, weil er nach 19 Uhr einem
Mann, dem er die eine Hälfte des
Bartes bereits abgenommen hatte,
auch noch die andere wegrasierte.

Halbheiten sind in Frankreich gern
gesehen.

Die Rettung

Eine der ersten Regierungshandlun-
gen des neuen französischen Kabinetts
soll die Einführung des Frauenstimm-
rechts in Frankreich sein.

Da Frankreich vor allem ein Aus-
gleich seines Haushalts fehlt, hofft

man, die Finanzwirtschaft dadurch zu
retten, datz man im Haushalt erfahrene
Frauen zur Regierung heranzieht.

Unerwartet

In Frankreich hatte man sich von der
Einführung derVierzig-Stunden-Woche
allerlei versprochen.

So viele Überraschungen waren
allerdings nicht geplant.

Ein Heer von 60 000 Mann

In Rom lebt ein Deutscher, der
60 000 Zinnsoldaten besitzt.

Wieder einmal ein Beweis für mili-
taristische Neigungen auch unter den
Ausländsdeutschen! Wenn das „Echo
de Paris" davon erfährt!

Seine empfindlichste Stelle

Wieder mal Neese!
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