Kladderadatsch — 94.1941

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iiimmiiiiiiiiiiiiiiiaiiuiitiitiiitt:

Sowjets Abgesang

„Wir hatten uns alles ganz anders gedacht,

Wir ballen uns heimlich ins Fäustchen gelacht:

Wir waren als ehrlich und bieder getarnt
und dachten, wir hätten die Nazis umganit -
Jedoch,

die Rechnung, die hatte ein Loch!

Wir dachten - „Genie hat, wer nie sich geniert!"

Ihr wißt,

daß wir deshalb gleich nachzweiSeitenpakticrt
voll List.

Wir hofften: „Zerfleischen sich Deutsche und Briten,
dann bleiben die Sowjets die lachenden Dritten!"
Iedoch,

die Rechnung, die hatte ein Loch!

Wir haben gewllhll, und wir haben gehetzt
mit Fleiß.

Die Nazis, die blieben ganz kalt bis zuletzt
wie ßis.

Da schien's uns, sie hätten noch gar nicht gemertt,
wie wir an der Grenze die Truppen verstärkt,

da waren wir leider zu keß.

Diel srllher, als wir es erwartet, der Tag
erschien,

da ballte die Wehrmacht zum Gegenschlag
Berlin.

Nun zeigt es sich deutlich: Wir Gauner im Kreml,
wir waren trotz aller Gerissenheit Dämel,
und schon

winkt unseren Taten der Lohn...”

Die Gossenschnepfe

Wissen Sie, was eine Gossenschnepfe

— Nein, nein. Sie brauchen nicht besorgt
zu sein, es handelt sich um keine Lücke
in Ihrer ganz sicher sonst lückenlosen
Allgemeinbildung. Sie steht in keinem
Meyer, steht auch im Brockhaus nicht.
Sie trat aus Churchills Leier zum ersten
Male ans Licht.

Am Abend des Tages, an dem die deut-
sche Wehrmacht gegen den bisher so
stillen Bundesgenossen Londons, näm-
lich Moskau, antrat, da mußte Herr
Churchill feststellen, daß alles, was
er bisher an Schimpfnamen gegen
Deutschland gebraucht hatte, nicht mehr
ausreichte, bzw. in seinen Händen den
alten Glanz längst eingebüßt hatte. Das
Lexikon der Schmähungen vom Alten Te-
stament bis zum modernsten Chicagoer
Verbrecherausdruck hatte er schon er-
folgreich auf der Suche nach schmücken-
den Beiworten für das neue Deutsch-
land durchsucht. Was ein gelassener Zy-
niker aus fremden Glaubensbekenntnis-
sen und Weltanschauungen an ätzenden
Ausdrücken nur zu entlehnen vermoch-
te, das hatte er unbekümmert übernom-
men. Für die Ohren der Christen hatte
er vom Antichrist geredet. Für die Be-
kenner anderer Religionen von dem Got-
tesleugner und für die Aufklärer, Mate-
rialisten und Atheisten von dem Men-
schenverächter. Bei den Amerikanern
warb er um Sympathien, indem er uns
Gangster nannte und als den Weltfeind
Nr. 1 deklarierte. Selbst bei der Zoolo-
gie hatte er bereits Anleihen aufgenom-
men und alle die Tiernamen gegen uns
angewandt, mit denen Menschen in der
Erregung so oft die unschuldige Krea-
tur beleidigen.

Es ist verständlich, daß Winston Chur-
chill sich in der peinlichen Verlegenheit
befand, zu den bereits freigebig ver-
schenkten Superlativen keinen Kompa-
rativ mehr zu finden.

Leute, die keinen Spaß verstehen, wer-
den hier einschalten, es sei doch eigent-
lich unverständlich, daß Herr Churchill
an jenem Sonntag überhaupt schimpfte,
statt sich vergnügt die Hände zu rei-
ben über den angeblich vom Himmel ge-
fallenen neuen Bundesgenossen. England
ist ja, weiß Gott, nicht so reich an Bun-
desgenossen, daß es ein solch freudiges
Ereignis, wenn es überraschend käme,
nicht mit Jubelrufen begleitete. Aber,
wie gesagt, das sind ganz unseriöse Ne-
bengedanken, die hier gar nicht herge-

Für uns ist wichtig nur die Feststel-
lung, daß Winston Churchill nach dem
restlosen Verbrauch aller bisherigen
Schimpfworte der Welt ein neues Buch
begann, das er selber schrieb. Der An-
fang ist das Wort von der „Gossen-
schnepfe“. Deutschland ist laut Chur-
chill eine blutrünstige Gossenschnepfe,
die ihre mechanisierten Armeen auf
neue Felder des Plünderns und Verwü-
stens schleudert.

Ein Versuch, dem neuen Begriff auf bio-
logisch-zoologischem Wege beizukom-
men, ist wenig ergiebig. Der Begriff
„Gosse“ muß dem Erfinder entweder
selbst nahegelegen haben oder dürch
.Ideen-Assoziation bei Erwähnung des
Wortes „Bolschewismus" aufgetaucht
sein. Die Schnepfe ist nach den bisheri-
gen wissenschaftlichen Beobachtungen
mit der Gosse noch nicht in Berührung

Kladderadatsch

.gekommen, obwohl die Schnepfen an
feuchten Orten leben. Da aber bisher
kein Philologe den für die etwas an-
rüchigen Abwässer der Zivilisation ge-
bräuchlich gewordenen Namen „Gosse"
auf die niemals anrüchigen, feuchten
Stellen der immer anständigen Natur
angewandt hat, dürfte der Begriff der
„Gosse" nicht auf dem Umweg über die
Schnepfe in das neue Wortgebilde ge-
raten sein, das seiner Majestät Premier-
minister kreierte. Es muß also geschlos-
sen werden, daß dem Schimptwortbild-
ner der Gossenbegriff lediglich in un-
mittelbarem Zusammenhang mit „W. C.“
in der verwegensten Bedeutung dieser
Chiffre geradezu naturnotwendig zu-
wuchs.

Ob Winston Churchill nun, von dieser
Chiffre rückwärts schreitend, zu der
Vorstellung der Schnepfe als eines bei
allen Feinschmeckern beliebten Nah-
rungsmittels kam — das zu untersuchen,
fühlt sich der „Kladderadatsch" nicht
berufen. Es gibt Dinge, die im Gleich-
maß ihres natürlichen Ablaufs erhaben
scheinen und in der einfachen und pri-
mitiven Umkehrung gemein wirken.
Suchen wir nach geistigeren Vergleichs-
momenten. Da die Stimme der Schnepfe
heiser und quackend ist, wäre es mög-
lich, daß Churchill, der die Stimme der
Plutokratie sicher als den absoluten
Wohlklang empfindet, hier ein Ver-

gleichsmoment zu seinem Eindruck von
der Stimme Deutschlands fand. Ausge-
schlossen ist es aber auch nicht, daß
es der kurze, steilreißende Flug der
Schnepfe war, der gerade an jenem
Sonntag Herrn Churchill gewisse Ver-
gleiche aufdrängte. Blutdurst jedenfalls
ist der Schnepfe bisher noch nicht nach-
gewiesen worden, sondern sie galt im-
mer als geschworene Feindin von aller-
lei Ungeziefer, das auch die Menschen
nicht schätzen.

Zur Sicherheit wird der „Kladdera-
datsch“ das von ihm bereits erarbeitete
Material über die Entstehung des
Schimpfwortes „Gossenschnepfe" durch
Vermittlung der zuständigen Stellen den
in der Emigration lebenden Psychoana-
lytikern Freudscher Schulung zur wei-
teren Ergänzung überweisen.

Darüber hinaus hat sich der „Kladdera-
datsch“ ernsthaft gefragt, ob angesichts
der Ausweitung des englischen Schimpf-
wortlexikons gegen Deutschland nicht
eine Ergänzung der in Deutschland ge-
prägten Begriffe für England erforder-
lich ist. Es hat sich hierbei herausge-
stellt, daß dies überflüssig erscheint,
weil der inzwischen in der Welt zu all-
gemeiner Gültigkeit gelangte Begriff des
Plutokraten sämtliche nur denkbaren
Schimpfnamen umfaßt und enthält —
— einschließlich des Wortes „Gossen-
schnepfe“. Hantan
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