Kladderadatsch — 95.1942

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Die Sonne lacht durch blitzeblanke Scheiben,
rings strahlt die Welt in junger Herrlichkeit.

Ich möchte doch trotzdem zu Hause bleiben
und diesen Brief zu Ostern an Dich schreiben.

Mir scheint, es wird fürwahr die höchste Zeit.

Aus blauen Fernen kommt ein FrUhlingswehen,
erfüllt die Seelen, macht die Herzen weit.

Es ist so wunderbar um dies Naturgcschehen.

Die Menschen sollten öfter in sich gehen.

Mir scheint, es wird fürwahr die höchste Zeit.

Im Ncstchen piepsen schon die jungen Schwalben.
Die Erde überquillt vor Fruchtbarkeit.

Die Ziegen kümmern und die Kühe kalben,
das schönste Jungvieh sieht man allenthalben.

Mir scheint, es wird fürwahr die höchste Zeit.

Wohin man schaut, erblickt man nichts als Segen,
sogar die Erde kriegt ein neues Kleid.

Der Hahn kräht uns den Ostergruß entgegen
und mahnt die Hühner an das Eierlegen.

Mir scheint, es wird fürwahr die höchste Zeit.

So denken hier die Alten und die Jüngsten
und sind voll Zuversicht zur Tat bereit.

Sie weichen nicht vom Ziel, nicht im geringsten,
ivas nicht zu Ostern ist - das kommt zu Pfingsten.
Wir glauben fest und sicher an die nächste Zeit.

Der Ministerkandidat!

Wissen Sie noch, wer R. G. Casey ist?
Nein? Lassen Sie sich aufklären:

Es war in den Tagen, da Mister Roose-
velt den von den Philippinen mit Weib,
Kind und Adjutant geflohenen General
Mac Arthur zum Oberbefehlshaber in
Australien ernannte. Roosevelt tat das,
weil es schließlich nicht so viele Hel-
den gibt, daß man sie schon nach der
ersten Flucht entlorbeerblättern lassen
dürfte. So blieb durch diese Ernennung
Mac Arthur der Held, zu dem ihn die
amerikanische Presse gestempelt hatte

und-so ganz nebenbei wurde auch

der sinkende Stern Australiens als 49.
in das Banner der USA. aufgenommen.
England sah das Dominium Australien
zwischen der Scylla Japan und der Cha-
rybdis Roosevelt treiben. Kein angeneh-
mes Resultat' der staatsmännischen
Steuermannskunst Winston Churchills.
Und was tat der blamierte Lotse? Er
griff sich aus dem bedrohten australi-
schen Boot einen Mann und nahm ihn
an Bord Großbritanniens: Den bisheri-
gen australischen Botschafter in Wash-
ington, Herrn R. G. Casey. Ob R. G.
Casey selbst überrascht war, weiß man
nicht, denn es verschlug ihm die
Sprache und er hat uns bis Redaktions-
schluß noch kein Interview gegeben.
Aber die Engländer, die Australier und
die Männer der USA., die waren baß
erstaunt, als es plötzlich hieß, daß der
bisherige australische Botschafter in
Washington zum britischen Staats-
minister für den mittleren Osten er-
nannt wurde und daß er gleichzeitig
in das britische Kriegskabinett eintrat.
Das war immerhin eine politische und
staatsrechtliche Neuerung, die — —
nur mit der Ernennung eines amerika-
nischen Oberbefehlshabers für Austra-
lien durch Roosevelt verglichen werden
konnte.

Man muß sich fragen, welche außer-
ordentlichen Fähigkeiten Richard Ca-
sey besitzen muß, daß er von Churchill
unter so erschwerenden Umständen
dennoch kreiert wurde.

Die Antwort auf diese Frage gab der
Londoner „Daily Herald". Er beschrieb
den neuen britischen Vertreter im Mit-
telosten wörtlich: „Casey ist Austra-
liens hübschester und bestangezogener
Politiker, der häufig mit Eden ver-
glichen wird.“

Sie meinen, das sei kein Grund für eine
Ernennung? Sie irren sich! Wenn Sie
sich die Jammergestalten eines Chur-
chill, 1 Halifax, Duff Cooper usw. an-
sehen, dann verstehen Sie ohne weite-
res das Bedürfnis nach einem hübschen
und gutangezogenen Politiker. Eden
alleine reißt die Gesellschaft ja nicht
heraus — wenn er nicht überhaupt in
seiner Amtszeit schon gelitten hat.

Der „Daily Herald“ schildert weiter:
^Richard Casey ist 52 Jahre alt, hat
schwarzes Haar, blaue Augen und einen
Schnurrbart. Er ist der am meisten
photographierte Mann Australiens."

Na, ist das etwa-gar nichts? Wenn der
mittlere Osten diesem schwarzen Mann

Kladderadatsch

ins treue blaue Auge sieht, dann ist
durchaus die Möglichkeit gegeben, noch
einmal so ein Geschäft zu machen wie
damals im vorigen Krieg mit Lawrence.
Aber es kommt noch schöner:

„Er steuert sein eigenes Flugzeug und
nimmt noch an anstrengenden Spielen

Da haben wir’s! Wenn es mal Zeit wird,
abzuhauen und einen heißen Boden zu
verlassen, dann ist ein Mann mit eige-
nem Flugzeug natürlich immer etwas
wert. Die Bemerkung, daß er noch an
anstrengenden Spielen teilnimmt, be-
darf freilich noch ihrer Bestätigung,
denn noch hat Casey seine Berufung
in das britische Kriegskabinett nicht
angenommen.

Der „Daily Herald“ weiß noch mehr
von Casey. Er schließt seine Schilde-
rung mit den Worten: „Caseys liebste
Erholung ist monotone Handwerks-

arbeit, wobei er Maurerarbeiten oder
das Anstreichen von Häusern bevor-

Da also liegt der Hund begraben! Chur-
chill suchte den Mann, der Maurer-
arbeiten liebt und der vielleicht seinen
Spaß daran hat, das brüchig gewordene
Gebäude des Empire da oder dort zu
flicken. Hört es, ihr Freimaurer, hört
es, ihr Juden, hört es, ihr Schwarzen
und Blauen: W. C. sucht Maurer. Einen
Gentleman-Maurer hat er__.gefunden.
Ob dieser aber so weit kommt, seine
zweite Lieblingsbeschäftigung auszu-
üben, nämlich das anzustreichen, was
er geflickt hat, das ist doch noch sehr
fraglich.

Nur eines steht außer Frage: Monoton
wird die Handwerksarbeit dieses hüb-
schesten Politikers sicher nicht sein.
Sollen wir ihm wünschen, daß er mit
einem blauen Auge davonkommt?
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