Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1843 (Nr. 28-80)

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Die Lirche;u Altenberg

in historischer und architektonischer Beziehung.

Mittheilung von Bau-Jnspector Biercher.

Unter den zahlreichen Denkmalen mittelalterlicher Kunst, womit un-
ser Rheinland geschmückt ist, dürfte wohl die Kirche zu Altenberg in
Beziehung auf histocischen und artistischen Werth als eines der merk-
würdigsten Geba'ude in erste Reihe zu stellen sein, und dahrr die nach-
folgenden Mittheilungen über ihre Sntstehung und Schicksale, so wie
über den gegenwärtigen Stand der in jüngster Zeit daran unternom-
menen R.-staurations-Arbeiten durch das „Domblatt" nicht unwillkom-
men geheißen werden, zumal dieser Kirche eine so nahe Vrrwandtschaft
mit unserm Dome nachzuwrisen ist, daß ste wvhl mit Recht bie erst-
geborne Tochter desselben genannt werden darf. —

Graf Eberhard von Altena stiflete im Jahre 1133, nachdem
er auf einer nach Rom und St. Jago di ComposteUa unkernommenen
WaUfahrt in der Cistercienser*)-Adtei zu Morimond (Frankreich) das
Mönchsgelübde abgelegt hatte, in dem alten Stammschlosse ber Grafen
von Altena und Berg, auf cinem Bcrge des romantischen Dhüntha-
le«, elwa drei Meilen von Köln auf der rechken Rheinseite gclegen,
ein Klsster des nämlichen Ordens, dessen erster Abt Berno, ein Mönch
von Morimond, wurde. Nach Verlauf von vierzehn Jahren (1147)
wurde aber schon das alte Schloß, seiner BaufäUigkeit und unbeque-
men Lage wegen, verlaffen, und die Bbtei in das Thal, nahe an daS
Dhünflüßchen, verlegt, wo zu diesem Awecke schon vorher neuc weit-
läufige Gebäude errichtet worden waren. Durch reiche Geschenke und
Stiftungen, welche der fcomme Sinn der in Wohlstand lebenden Be-
wohner des bergischen Landes dem Kloster zufließen ließ, verbunden
mit weiser Sparsamkeit der Aebte und vielen Begünstigungen der Lan-
deSherren und der Erzbischöfe von Köln, war das Kloster unlerdessen
zu solchem Reichlhume gelangt, daß unter Giselher, dem 13. Abte, der
Bau der jetzigen großen Kirche begonnen werden konnte, wozu am 3.
März 1255 der Erzbischof Conrad von Hochsteden in Gemeinschafc
mit seinem Schwager Adolph VI., Grafen von Berg, und deffen Bru-
der Wallram m., Herzog von Limburg, in Gegenwart vieler Großen
den Grundstein feierlichst legte. Die Zeit der Erbauung fällt so-
nach in dieselbe für so großartige Unternehmungen begeisterte Epoche,
welcher der kölner Dom, dessen erste Grundsteinlegung bekanntlich ste-
ben Jahre früher (1243) Statk fand, seine Entstehung zu verdanken
hat. Was aber die Kirche zu Altenberg in artistischer Hinsicht beson-
ders merkwürdig macht, ist, daß dem Baue unverkennbar der auf eine
HLchst geschickte Weise vrreinfachte Plan des kölner DomeS zum Grunde
gelegt worden, wodurch ste ein ähnliches Meisterwerk der deulschen
Kirchenbaukunst, jedoch mit Vermeidung jener Fülle von ocnamenta-
lem Beiwerk, welche oft als unzertrennlich mic diesem Baustple ge-
halten «ird, und ohne Thürme, denen der Ci'stercienser-Orden abhold
war, darstellt. Bei der Vergleichung des Grundplanes mit jenem des
kölner DomeS findet man sogar in der Anordnung des Ganzen sowohl,
als der einzelnen Theile, in den Constructionen, Verhällniffen und
Formen eine so auffallende Aehnlichkeit beider Gebäude, daß dem
Sachkundigen sich unwillkürlich die Ueberzeugung aufdringt, daß der
Entwurf zu der altenberger Kirche nur von bemselben großen schöpfe-
rischen Geiste herrühren könne, welcher in HLchster Begeisterung für
Religion und Kunst zur guten Stunde den Muth haben durfte, den
Gedänken zu einem Riesenwerke, wie der kölner Dom, diesem echa-
bensten Rusdruck des Unendlichen, zu fassen und in Grund- und Aus-
riffen, so wie selbst in seiner theilweisen Verwirklichung zur Anschau-
ung der staunenden Mit- und Nachwelt zu bringen.

Nicht minder merkwürdig ist aber auch die altenberger Kirche in ge-
schichtlicher Beziehung, vorzugSweise durch den Umstand, daß ste d>«
Grabstätten von etwa dreißig Grafen und Herzogen aus dem bergi-
schen Regentenhause odec deren Gemahlinnen umschließt, worunter die
Voreltern unseres erlauchten königlichen Hauses sowohl, als des baieri-
schen KLnigshauses besonderS hervorzuheben. Dec letzke männliche
Sprößling des bergischen Hauses, welcher hiec seine Ruhestätte fand,
«ar Herzog Wilhelm m., gestorben 1511, und seine Gemahlin Si-
bylle, Tochter des Kurfürsten Albrecht RchilleS von Brandenburg **),
welche 1524 an seiner Seite beigesetzt worden. Es haben somit schon

*) Bo» der Lrdensregel des h. Benedict und uach dem Kloster 6i-
teoux (6istertwm) bei Dijon also genannt.

**) Die Dermählung dieses Fürstenpaares wurde i. I. 148t in Köln
vollzogen. Die Ehrvnik dieser Stadt enthält darüber Folgendes:

„Jn den Jairen uns Hereu 1481 up Sondach nan sent Jo-
hansdach mitsommer sleyff Hertzoch Wilhelm Ho Guylich ind Ho
de Berge Ho Coellen by mit Frauwen Sibilla genoempt. Die was
eyn Dochter markgraven Ailbrechtz van Brandenburch. Jnd sy
«orden Hosamen gegeven buyssen Coellen in dcm veld. Jnd quame
cho send SeverynsporHen in mit »ill Fürsten und Heren. Nemelich
eyn Bischof van Coellen, eyn Bischoff van Lrier, eyn Herzoch van
Oesterich ind Burgondien; Ein Marckgrave van Brandenburch,
Eyn Marckgrave van Baden. vort vill ander Greven in geHall as
man meynt over die 50 ind vill freycn Ritteren ind Knechten.
Jnd man hadde Hoff dry dage sere köstlich myt Stechen, DanHen
ind anders, ind wart die Brulofft gehalden in dem Hoff Hom Al-
denberg up sent Johanstrayss. Die Druyt quame ouch sere koste-
lich in eynen gulden wagen mit vill Edelen schonen Jouffereu."

vor mehren Jahrhunderten die Vorfahren zweier mächtigen, in der
Äegenwart so eng verbundenen deutschen Königsstämme in der Kirche
zu Alrenberg ein gemeinsames Mousoleum gefunden.

Der Bau derselden, wie bereits erwähnt, imJahre 1255 begonnen,
wurde Anfangs mit solcher Thäligkeit belrieden, daß der Chor nebst
den denselben umgebenden sieben Capellen schon nach 1Ü Jahren (1265)
zum Gottesdienst denutzt werden konnte. Jedoch scheint der Bau in
den solgenden Jahren mik geringerm Eiser fortgesetzt worden zu sein
oder doch zeitweilige Unterbrechungen erlitten zu haben, woran aber
wohl hauptsächlich mehre Unfälle, nämlich die im Jahre 1324 in Folge
eines Wolkenbruches im ob.rn Dhünthale eingetretene Ueberschwem-
mung — bei welcher daS Wasser über 5 Fuß hoch iu der Kirche ge-
standen hat — und das im Jahre 1348 Statt gehabte Erdbeben, wo-
durch bedeutende Beschädigungen an derselben entstanden, die Schuld
tragen mögen. Erst im Jahre 1379 konnte die Kirche, welche kur;
vorher an Wichbold, Bischof von Culm in Westpreußen, einengro-
ßen Gönner und Wohlthäter gefunden, indem er dem Baue bedeu-
tende Unterstützungen zuwendete, in ihrer dermaligen Gestalt vollendet
-werden. Da Wichbold, ein Kölner von Geburt, den Künsten mit
grvßer Liebe zugethan war und durch ihn die altenberger Kirche schon
im 14. Jahrhundeit mit Preußens Geschichte in Berührung tritt, so
mag es erlaubt sein, hierbei einige Augenblicke zu verweilen.

Wichbold war im Jahre 1366 zum Äischof von Culm ernannt wor-
en, zu einer Zekt, wo das Land durch die bestandigen Kämpfe und
Verhecrungszüge des deutschen Ordens gegen die Litthauer und ab-
wechsclnd durch die feindlichen Einfälle dcr letztern unter ihrem Groß-
fürsten Kynstutte manchem schweren Dcangsal unlerlag. Diesem Zu-
stande der Dinge scheinl eS daher auch vornehmlich zugeschricben wer-
den zu müssen, daß Wichbold es vorzog, von Zeik zu Aeit den bischof-
lichen Sih im rauhen Preußenlande zu verlassen und seine Einkünste,
nach Art der heutigen anglicanischen Bischöfe, uuf dem mildern hei-
mischen Boden am Rheine zu verzehren. Hiedurch sowohl, als wegen
seiner großen Strenge war er in seinem BiSthume wenig beliebt und
sogar mit dem deutschen Orden in Feindschaft gerathen. Die Erbit-
terung gegen ihn erreichte aber den höchsten Grad im Jahre 1375, alS
er es (nach Voigt's Grschichte PreußenS) unternahm, den von Papst
Gregocius XI. ausgeschriebenen Aehnten der Einkünfte eines Jahres
von sämmtlichen Besttzungea des Ordens, Behufs Erlangung der Mit-
tel zur Bekämpfung der Türken, einzusordern und in seinem Spren-
gel die angedrohten kirchlichen Slrafen bekannt zu machen und gegen
die Widerspenstigen in Ausübung zu bringen. Da sogar der Hoch-
meister des deutschen Ordens den Zehntcn verweigerte, und der Land-
adel, dcr zu der neuen Auflage am meisten zu leisten halte, durch
das strenge Verfahren des dem päpstlichen Sluhle sehr ergebenen Bi-
schofs äußerst aufgebracht war, wagten es am 3. April des Jahres
1375 mehre Unzufriedene, unter Anführung des Ritlers Hans von
Kruschin, den Bischof Wichbold im Dome zu Culmsen zu überfallen
und ihn so lange gefangen in den Wäldern umherzuschleppen, bis er
sich für eine Summe von viertausend Mark loskaufte. Nach erlang-
ler Frciheit floh Wichbold nach dem Rheine, wo er in dem Kloster
Altenberg einen ruhigen Zufluchtsort fand, den er nie wieder verließ.
Während Wichbold fortan sein Bisthum Culm durch einen Vicar
verwalten ließ, beschäfligte er sich in seinem neuen Asyl mit dem Fort-
baue der Kirche, vollendete diesclbe in allen Theilen und unternahm
deren Einweihung zum GolteSdienste im Austrage deS Erzbischofs
Frirdrich von Köln, am 28. Juni 1379. Wichbold starb, wie die Jn-
schrist der großen messingenen Plarle seines Grabmales in der Kirche
besagte, am 21. Juli 1398.

Eine andere messingene Platte hat nicht bloß Nachricht von der
Einweihung, sondern auch von den vielen Schenkungen, die Wichbold
zum Baue und zur Einrichtung der Kirche gemacht hatte, gegeben.
Um sich eiue Jdee von den damaligen Verhältniffen deS Bauwesens
bilden zu können, scheint die Notiz von Jnteresse, daß rr 380 Gold-
gulden für 4 Gewölbe des Mittel- und 120 für 4 dergleichen des lin-
ken Seitenschiffes, 400 für das Kirchendach und eben so viel für das
große, mik herrlicher Glasmalerei geschmückte Fenster über dem west-
lichen Eingange auSgesetzt hatte. Nicht weniger intereffant dürfte es
sein, bei dieser Gelegenheit zu vernehmen, daß Wichbolo unter Anderm
auch sein auf der Sl. Johannisstraße hlerselbst gelegeneS Haus (die
jetzige Divisionsschule) dem Kloster schenkte, welches daher seit jener
Zeit, mithin länger als vier Jahrhunderte hindurch, die Benennuug
„Altenderger Hof" führt.

Manche Unfäll« hatte die Ablei durch Raubzüge und verheerend«
Kriege in älterer Zeit und ganz besonderS im dreißigjäbrigen Kriege
«rlitten, alS dieselbe nach dem lüneviller Frieden (1801) aufgehoben
und die dazu gehörigen Gebäude nebst vielen Grundstücken unterm 4.
Februar 1806 von der baierischen Regierung an einen Privatmann in
Köln für die Summe von 26,415 Rkhlr. 54 Stüber bergisch unter
der Bedingung verkauft wurden, „dnß Ankäufer so wie seine Erben
und Nachkommen verpflichtet seien, di« Kirche stehen zu lassen, um
den katholischen Gottesdienst darin beizubehalten". (Schluß folgt.)

Verantwortlicher Herausgeber: Jos. DuMont.

Druck und Commissions-Verlag des Verlegers der Kölnischen Zeitung,
M. DuMont-Schauberg.
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