Zentral-Dombauverein <Köln> [Hrsg.]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1865 (Nr. 239-250)

Seite: 35
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glbt viele Burgen, die größer, viele, die architektonisch schöner sein mögen,
weaige aber von einem größeren historischen Jntercffe und die so eigen-
thümlich in ihrcm alten Gemäuer zu reden scheinen. Welch ein merkrür.
diger Gegsnsatz zwtschen dieser so einfachen, anspruchslosen Burg und dem
anzen hochmüthigen, gespretzten und antichristlichen Wesen der franzöfischen
ustschlöffer, so wie den dunklen, blutigen Mauern deS londsner Tower, der
noch gegenwäitig zur Aufbcwahrung der englischen Krondiamanten und
RetchSinfignien dient, wie ehemals dte Burg von Nürnberg für dte unsrigen!
Man kann eS u cht laugnen, die einfache und anspruchSlose Burg zu Nurn»
berg ist das lreue Bild dcS deutschen CharaktcrS, wie der Tower zu London,
die franzöfischen Schlösser Bersailles, Fontainebleau, Rambouillet, Chambord
und BloiS dea Charakter und die Geschichte ihres BolkeS auSdröcken. Wie
unschuldig und rein find diese anspruchSlosen Mauern der Burg zu Rürn-
berg gegen die Ertnnerungen, die an den genannten Bauwerken haften?
Rur etwas hatte mich, alS ich die Burg zum letzten Male ssh, mit einiger
Wehmvth gestimmt und zu gar ernsteu Betrachtungen geführt; aber daran
ist die Burg und der deutsche Charakter vielleicht am wenigsten schsld. ES
ist nämlich die Gammlung von Folterwerkzeugen, die msn hier aufgestellt
hat und deren Gebrauch allerdingS zur Zeit eine Schmach für die Mensch-
heit war. Sie find mehr eine AuSgeburt deS römischen Rechtes und der
bureaukrattschsn Juristerei, dte dem deutschen Sinne stetS ein Gräuel gewesen
von den Tagen deS BaruS an bis in die letzten Zeiten. Derartige Dinge
find doch keine charaktenstischen Zeichen für Deutschland, fie find alleu Völkern,
alle» Zetten gemein, dte den Buchstaben deS ÄesetzeS vergöttert und den
schlichten, einfachen Sinn der Humanttät und deS ChcistenthumS aus ihrer
Gesetzgebung verbannt und mit barbarischer Wildheit vertauscht. Dicht an
dem Wege zur Burg aufwärtS steht daS sogsnannte HauS des Pilatus,
nämlich die Wohnung eineS uürnberger BürgerS, deS Ritters Martin Aetzel,
der im Zahre 1477 nach Zerusalem gewandert, um dort die richtigen Maße
för den Kreuzweg aufzunehmen, de» er von hier nach dem St. Johanniskirch-
hofe mit 14 Stationen von der Hand deS berühmten Adam Kraft errichten
ließ. Unglücklichsr Weise hatte er bei seinem Zuröckkehren nach Hause die
Maße verloren. Er ließ fich daher die Mühe nicht verdrießen, noch etnmal
nach Jerusalem zurückzugehen. DaS nenne ich Charakter, daS ist das Zeichea
eine« warmen HerzenS für da« große Werk der Erlösung. Auch ich habe
zur Zeit diesen Weg gemacht, ich habe ihn in Jerusalem, ich habe ihn tn
Rörnberg gemacht, und eS war weniger das Grab Dürer'S auf dem Jo-
hanniskirchhofe, daS mich dort hingezogen, alS die Berehrung gegen den
schlichten Bürger Marttn Ketzel von Rürnberg, der mir eben so hoch steht
an Erhabenheit der Gefinnunz alS Dürer an Talcnt. Denn jede Kraft im
Dienste Gottes und der Meuichheit ist der Ehre werth!

Die Anweri-ung mittelalterlicher Bauformen,
namentlich des gothischen Styleß, fnr nene
protestantifche Kirchen.

Bon JuliuS Flügge, Nrchitekt.

Aus Leranlaffung der jüngst Statt gehabten Concurrenz für den besten
Plan zu einer neuen evangelischen Kirche in Sssen ist mehrfach die Frage
aufgeworfen worden: ob die Anwendung deS gothischen Stples überhaupt
alS geeignet für evangelische Kirchen erachtet werden könne? Die im Nach-
stehenden versuchte Beantwortung dieser Frage ist um so schwieriger, alS
h'.erbei gegen Borurtheil und Herkömmlichkeit einerseitS, so wie auch gegen
die Präponderanz irrthümltcher Anschauungen und der dadurch entstandenen
Meinungen andererseit« angekämpft werden muß, welche die Anwendung der
Gothik döchsteus für katholische Kirchen gelten laffen wollen, dagegen die-
selbe nur unter dem Prädicate cines sogenannten reorgantfirten, den An-
forderungen der Neuzeit mehr enlsprechenden Baustples zulaffen, wodurch
rndeffen leider Umgestaltungen der Gothlk enlstehen, die bei der Geburt
schon den Keim deS TodeS tu fich tragen.

Bet Anlage eines BaueS, ob kirchlich oder weltlich, muß zunächst der
Zweck deS GebäudeS scharf inS Auge gefaßt werden; namentlich ist es dei
einem protestantischen Kirchenbau Hauptsache, daß Charakter und Bestim-
mung deSselben deutlich hervortreten, und scheint eS deßhalb voa vorne-
herein aogemeffeo, beim Entwurf einer protestantischen Kirche alleS — wte
z. B. Anlage von Capellenkränzen, ProcesfionS-Umgängen und dergl. — zu
vermeisen, was derselben einen gegentheiligen Charakter verleihen dürfte.
Ss schön und zweckentsprechcnd die genannten Dtnge bei katholischen Kirchen
llnd und dazu eine malerische Wirkung üben, so find fie doch bei evange-
üschen Kirchen schon deßhald zu vermeiden, weil fie gegen den CultuS gehen,
weder Zweck noch praktischen Werth haben, ihre Anwendung somtt keine
Berechttgung hat. Hiernach aber die gothische Bauweise bei neuen evange-
lischen Kirchen gäazlich ausschließen zu wollen, hieße daS Kind mit dem
Bade auSschütten. Ob die gegenwärtig noch vielsach verbreitete Anficht,
daß eine ueue evangelische Kirche nicht tm mittelalterlichen Stple entworfen
werden dürfe, fich etner LebenSfähigkeit zu erfreuen habcn wird, mag dahin-
gestellt dleiben; eS muß aber nach dem Borgehen in den letzten Deccnnien
bezweifelt werden. Die mittelalterlicheu Banformen, inSbesondere die An-
wendung der herrlichin deutschen Baukunst als ausschließliches Monopol deS
KatholtciSmuS betrachten zu wolleo, hieße ein Unrecht gegen dte Kunst selbst
degehen, wenngleich moderne Einflüffe fich in dieser Weise geltend gemacht
haben und, «nter Ausschluß der vaterländischen Bauweile, fremdartige For«
men sür den evangelischeu Kirchenbau allseitig zu empfehlen fich bemühen.
Berfolgt man alle Stadien der Kunst, so kann man, Gott sci Lob, sagen:
dte christliche Kunstweise ist im Wachsen, trotz der großen Rührigkeit vieler,
derselben adbolden Elemeate. ES gelingt nicht mehr, mit unverstandenem
Eklekiiciemus aus dem Griechen- und Römerthum, dte mittelalterliche Kunst
für den deutschen Kirchenbau zu verdrängen; schlimm genug, daß eS drei
Zahrhunderte hindurch derFall war. BeweiS doför mag in der succesfiven

veseitigung aller, mittelalterlicheBsuwerke entstellendeuZugaben — melsteu«
zopfige Portale rc. — auS genannter Zeit herrührend, gefunden werden.

Man bedenke, daß vor etnigen Jahrzehenden — theilwctse auch heute
noch — der Unverstand Borurthetle gegen dte christliche Kunst schuf und
»och schafft, ja, wie derselbe Unverstand mit bodenloser RückfichtSlofigkeit
gegen die nicht verstandene Kunst, stait deren Verständniß fich zu crwerben,
eifert, und dadurch in seiner Weise zu bedauerlichen Auslaffungen tn Wort
und Schrift führt, dte falsche Anschauungen verbreiten und derea nachthet«
lige Consequenzen herbeiführen. Bor kv Jahren noch wurde mit wenigea
AuSnahmen von allen Architckten behauptet: jeder Bsu, kirchltch oder welt-
lich, muß hervorgehen auS der Wiedergeburt der griechischen und römtschen
Formen. Dteser Behauptung zufolge entstanden und entstehen desn auch
noch, hauptsächltch im Norden Deutschland«, die wunderlichsten architektoni-
schen Schöpfungen, auS der genannten salschen Anschauung hervorgegangen,
welche slS Tebilde unreifen WiffenS «nd mangelhaftenKönnenS detrachtetwerden
müffen. DenBackstein, ein Hauptmaterial.mtttels Auftragen von Gpps,Cement,
Kalkmörtel oder sogar Lehm und Orlfarbenanstrich in Marmor oder soust
werthvolleS Material umzuwsndeln, soll als schwacher Ersatz jeder Gründ-
lichkeit diene» und durch solche FälschungSmittel wurde eS möglich, die, wenn-
gleich schönen Formen hsidnischer Kunst — deren Werke ganz anderenZwcckea
dieaten — nach zwei Jahrtausenden in christlichen LLndern sogar für deu
Kirchenbau auf längere Zeit zu befestigen. Nachdem aber der christlichcn
mittelalterlichen Kunst in den breißtger Jahren durch das Streben einzelner
tüchtiger Männer — rn denen zugleich dte wahre B-geisterung sür deutschea
Einii und deutsches Wesen lcbre — ein kleiner Platz in den Kunstschulea
vergönnt wurde, brach fie fich auch bald eine brettere Bahn und zwang all-
mählich mit nicht zu verkennender, unwiderstehlicher Macht selbst die Gegner
zu gläubigem Bekenntaiß der Wahrheit.

Durch die Wiederaufnahme der Arbeitea am kölner Dome erwachte auch
theilweise im Volke der Ein» für die schöne deutsche Kunst; dtesem folgtea
viele andere Bauten in Deutschland. Jm Jahre 1846 war dteseS lödliche
Streben so weit gediehen, daß schon von einem großen Thcile der Archt-
tekten nicht nur der romanische Stpl, sondern vorzugSweise die Gothik als
die geetgnetste Bauweise für katholtsche Kirchen erachlet «urde, jedoch pro-
testantische Ktrchen im Allgemetnen noch davon auSgeschloffen dlieben. Dte
Gründe für diese damalS und jetzt häufig noch herrschende Anfichr find halt-
los genug; jedoch die protestantische Menge glaubte, waS ihr von der prt-
vtlegirten Wiffenschaft und derea Trägern gepredtgt wurde; eS standen letztsre
auf einem schetnbar so sesten Boden, daß keia, aach ihrer Anficht, uabe-
rufener Laie eS wagen durfte, an der Möglichkeit zu zweifclu, in Leutsch-
land je eine protestanttsche Kirche ia gothischem Stple erbaut zu sehen.

Die Lehre, die Renaiffance set enistanden mit dem Beginne der Nefor-
mation und sei deßhalb alS Richtschnur für piotestantische Ktrchcn zu be-
trachtcn, läßt fich auf den Unverstand und die Unklarheit, welche über
Architektur, hauptsächlich abcr über dte gothische herrschte, zurückführcn,
zumal hiernach dic Anficht prävalirte, nach Ler dte Gothik ntcht auS ihrem
constructiven Wesen hervorgegangen sei, söndern nur auS Pfetlern und
Spitzbogen bestände. Jene Lehre, welche die Gothik in den Bereich deS
überwundcnen StandpuncteS zu verweisen fich bestrebte, um dadurch für dea
evangelischen christlichen Kirchenbau die Formen der Renaiffance zu sudsti-
tutren, konnte wohl eine Zett lang, nicht aber anf die Dauer überzeugend
wtike», denn alle Argumentationen im cbigen Sione schetnen eher zur Kräf-
tigung als zuc Schwächung der Gothik betgetragen zu haben, indem daS
Volksihümltche deiselben trinmphirend auS dem Kampfe hervorgegangen tst.
Schon die heterogene Beschaffenhett unsereSKlima's, unsecer Bedürfniffe und
Baumaterialien, tm Gegensatze zu denen der Griechen und Römer, gebietet
auch die Entfchiedenheit anzuerkennen, mit wslcher unsere Vorfahren jene
Focmen abgewiesen haben, bie doch immer nur alS Truggedilde erscheinen
mußten.

Die mittelalterliche Bauweise hat etne LebenSkraft, die größer ist alS
bei jeder anderen. Richt mit todten Zahlen, wie deim feststehenden Ber-
hältniffe der griechischeu Säulen, deschäftigt fie fich; nein, fie tst srei, denn
alleS paßt fie der Zeit und den obwallenden Bedingungen an. Geht man
zu Thatsachen über, so wird fich ergeben, daß die Gothik füc protestantische
Kirchenbauten wesentlich der etnzig zu betretende Weg ist; denn die Re-
naiffance ist die Wiedergeburt der heidntschen Kunst; fretlich, zur Zeit der
Reformatton von kathol scher Seite zur Geltung gekommen, kam fie auS
einem echt katholischen Lande, aus Jtalien; der größte, wundererregende
Rcnaiffance-Bau ist die PeterSkirche in Rom. — Mit Luther entstand die
protestantische Kirche; von dem Augenblicke an, in welchem fich die Kirchen
rrennte», hatten die Protestanten keinen Antheil mehr an dem, was später
in der katholischen Gemeinde, in Jtalien geschah. —Man kann deßhalb wohl
mit Recht sagen, daß nur die Kalholiken, dt« Reuaiffauce alS einen ihnen
eigenthömlichen Stpl zu bezcichnen, wahren Anspruch haben, wenn man über-
sehen wtll, daß die Formen derselben aus dcmHeidenthum herübergekommsn
finb. WaS vor der Reformation liegt, ist Gemerngut sowohl der Protestan-
ten wte auch dcr Katholiken, denn deide Confesfionen haten gleichen Antheil
an der Bergangenheil; beide find christliche, find Geschwister, die gleiche
Lrbschaft angetreten und glsiche- Recht haben, mrttelalterliche Baufocmeu
bei Conception und AuSführung threr monumentalen Bauten nach Maßzabe
ihrer Zwecke tn Reproduction zu briugen.

Hiernach gelangt man zu dem Resultate, daß der Protestant und der
Katholtk gleiche Ansprüche auf die Erbschaft der mittelalterlichen Kunst haben
und stcht somit daS Mittelaltcr, Lie Gothtk alS Richtschnuc für protestan-
tische Kirchenbauten da.

Hiergegen werden die modernen Architekten einwenben, daß der BeweiS
für diese Behauptnng ntcht vorhanden sei, und fragen: warum der roma-
ntsche Stpl nicht eben so große Berechliguog habe, außerbem aber auch
noch die Errungenschaften deS 19. JahrbundertS, durch «elche so vieles Un-
vollkommene ja ersetzt werden kann? Berfolgt man die Geschichte Schrltt
sür Schritt, so wird gewiß ntcht dem romanischen Baustpl sein Recht be«
strilten werden dürfen; jedoch bleibt zu beröckfichttgen, daß der gothtsche
Stpl alS weitere AuSdildnng, alS Bervollkommnung, ja, als entschledcner
Fortschrttt deS romamschen StplS gelten muß, daß der Spitzbogen keineS-
wegS auS Laune, sondern aus Bedürsniß und praktischen Gründen entstandcn
ist; ferner, daß bei romanischen Bauwerken mik unvollkommcnen Dingeo,
als koloffnlen Nauer- und Pfcilermaffe» zu kämpfen bleitt, und auch keine
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