Koepplin, Dieter
Cranachs Ehebildnis des Johannes Cuspinian von 1502: seine christlich-humanistische Bedeutung — 1973

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IX. DAS ANGEBLICHE EHEBILDNIS DES STEPHAN REUSS VON 1503.

Im Vergleich mit dem Ehebildnis Cuspinians ist das Bildnis-
diptychon des einundvierzig jährigen "Dr. Stephan Reuss" und
seiner Frau von 15o3 (Abb. 16 a-b) um einen Grad derber, un-
geistiger und weniger präzis (797). Typus und formale Elemente
sind die gleichen geblieben, aber sie haben sich vergröbert
und an innerer Notwendigkeit verloren. Künstlerische Konse-
quenz muss man immerhin darin erkennen, dass Cranachs Abwand-
lung des Typus dem anscheinend dumpferen und labileren Charak-
ter des porträtierten Ehepaares entspricht.

In der Landschaft (798) verschmelzen bewaldete Hügelzüge, we-
nig definierte Architekturstücke und weit entfernte weiss-blaue
Berge zu einem etwas amorphen, gegen die trennende Mitte des
Bildnispaares hin schwach sich aufwölbenden Gelände, in das
hinein oder vor das die hochgeführten Bäume des Mittelgrundes
gepflanzt sind, so dass sie die Porträtierten locker umrahmen,
sie nach hinten mit der Landschaft verbinden und nach vorn stüt-
zen. Die zweimalige Antithese von belaubtem und verdorrendem

(797) Das männliche Bildnis befindet sich in Nürnberg (wurde
1889 aus der Sammlung Sulkowski in Feistritz bei Wien er-
worben), das weibliche in Berlin-Dahlem. Das erste misst
54 x 39 cm, das zweite 52,5 x 36,5 cm; beide sind be-
schnitten und waren vermutlich ebenso gross wie das Dipty-
chon Cuspinians. Das männliche Bildnis ist schlechter er-
halten als das weibliche, es trägt zahlreiche Retouchen.
Die Vorzeichnung mit dem Pinsel ist unter Kopf und Haube
der Frau sichtbar geworden; sie wurde bei der malerischen
Ausführung genau befolgt. Lit.: Friedländer/Rosenberg
1932, Nr. 8 und 9; Buchner 1953, 164 f. und 217 f.; W.
Hugelshofer in: Pantheon XXIV, 1939 II, 234; Lill 1942,
244; farbige Abb. des Bildnisses des Mannes bei Thöne
1965, 32; weitere Lit. zit. in Anm. 798 und Anm. 8ol-8o4.
Bei Abschluss dieser Arbeit lag noch nicht vor der von

H. Köhler bearbeitete Katalog der Cranach-Ausstellung in
Berlin-Dahlem, in der das Bildnis der Frau "Reuss" figu-
riert.

(798) M.J. Friedländer 19o2, 232 f.: "Die Landschaft, die hier
mit einiger Gewaltsamkeit das Porträt bedrängt, ist von
besonderer Schönheit."
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