Koldewey, Robert ; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Seite: 24
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DER SOG. TEMPEL DES POSETDON IN PAESTUM

Wie wir an den anderen archaischen Tempeln von Fall zu
Fall sehen werden, waren die beiden Seiten der Peristase von
Anfang an zwar unklar aber stark differenziert. Eine Ent-
wicklung und Vervollkommnung war dann offenbar nur nach
zwei Richtungen möglich: entweder konnte man versuchen, die
Differenz auszugleichen, sie verschwinden zu machen, indem
man die Peristase als ein Ganzes ins Auge fasste, oder indem
man die Fronten und die Langseiten doch als etwas Verschie-
denes ansah, konnte man ihre Verschiedenheit noch besonders
betonen und durch proportionale Bindung des Front- wie des
Längsjoches den allgemeinen Conceptionsgesetzen einfügen.
Von beiden Verfahren bietet Paestum in seinen beiden alter-
tümlichen Tempeln den Gipfelpunkt dar. Während der Ennea-
stylos, wie wir sahen, nach dem Princip, die Jochdifferenz von
Schmal- und Langseite zu pointieren, entworfen ist, wozu wir
freilich keine Vorstufe kennen, hat der Architekt des Hexa-
stylos, nachdem im Tempelbau viele Versuche vorausgegangen
waren, die ursprünglich stark fühlbare Differenz abzuschwächen
(bei den sog. Tavole Paladine in Metapont z. B. ist sie der Sache
nach fast verschwunden, aber im Princip doch noch vorhanden),
hat der Architekt hier jede Jochdifferenz auch principiell beseitigt
und absolute, allseitige Jochgleichheit hergestellt. Darüber hin-
aus war ohne Rücksicht auf das Triglyphon nicht zu gelangen.

Die Nichtbeachtung des Frieses ist aber nirgends so deut-
lich nachzuweisen wie hier. Wenn dem Architekten auch nur
entfernt die Notwendigkeit möglichster Gleichheit der Metopen
vorgeschwebt hätte, so würde er die grofse Differenz (0.27)
zwischen der normalen (0.85) und der Eckmetope (1.12) mit
Leichtigkeit durch Verschiebung der zweiten Triglyphe auf die
Hälfte haben herabmindern können. Aber wie die von uns
nachgewiesenen Reste lehren, hat er das nicht gethan, die
8 Eckmetopen sind die einzigen, die von den normalen (nun-
mehr 60 an Zahl) abwichen und zwar in einem Mafse, dass es
einem Architekten des classischen Stiles höchst missfällig ge-
wesen sein muss. Der modernen Zeit, wo es den Bearbeitern des
dorischen Stiles meist an der nötigen Klarheit über die Ge-
schichte des Triglyphon und der Plandisposition gefehlt hat,
ist unser Tempel geradezu ein Rätsel geblieben, und die

Schwierigkeit, ihn zu beurteilen, ist noch durch Delagardettes
Schuld vermehrt worden, da er S. 50 behauptet, in einer der
modernen Hütten von Paestum einen Eckblock des Frieses ge-
funden zu haben, aus dem die axiale Stellung der Ecktriglyphe
und das Vorhandensein eines Semimetopium hervorginge; durch
diese Behauptung hat er auch Labrouste gegen dessen innere
Ueberzeugung (s. S. 12) zu einer verkehrten Restauration des
Tempels verleitet. Aber das Semimetopium kann einstweilen
nur als vitruvianisch betrachtet werden; selbst Hermogenes
scheint es noch unbekannt gewesen zu sein, da in seiner Kritik
des Dorismus (bei Vitruv IV 3, 2) nur von den beiden Aus-
gleichsmitteln, entweder grofse Eckmetope oder Intercolumnien-
contraction, die Rede ist und nirgends auf die axiale Stellung
der Ecktriglyphe hingewiesen wird. Bei älteren Tempeln, zumal
bei einem immerhin noch archaischen Grundriss, wie ihn der
paestanische Hexastylos hat, ist dergleichen gänzlich ausge-
schlossen; da ist bei schmaltriglyphigem System nichts anderes
als eine grofse Eckmetope zu erwarten.

Gehört also der Tempel zweifellos der Zeit des vorclassi-
schen, ohne Rücksicht auf das Triglyphon frei disponirenden
Stiles an, so muss er doch wegen der verhältnismäfsigen Voll-
kommenheit des Grundrisses an das Ende der archaischen
Periode gesetzt werden, und da dieser Vollkommenheit schon
an dem Enneastylos so sehr. vorgearbeitet worden war, wird
man diesen nicht allzuweit vor ihn rücken dürfen. In wie
weit die Formen des Capitells das bestätigen, ist schon gesagt
worden. Die gröfsere Schlankheit der Säule ist aber mehr
durch die Willkür der alten Zeit als durch den gleichmäfsigen
Fortschritt in der Entwickelung der Proportion zu erklären;
von Proportion kann erst bei den Tempeln der classischen Zeit
so recht die Rede sein.

Am Ende der alten Periode steht auch das grofse Apollonion
in Selinus (G oder T); wie es einerseits die Idee des zwei-
wöchigen Pteron, das den Enneastylos auszeichnet, zu besonderer
Grofse und Mächtigkeit ausgebildet hat, so ist sein viersäuliger
Pronaos von zwei jochiger Tiefe die nächste Analogie zu dem
Pronaos des archaischen Hexastvlos in Paestum.

Der sog. Tempel des Poseidon.

TAFEL 4.

Neben den beiden Beispielen altertümlicher Baukunst steht
mächtig als eine hervorragende und historisch besonders bedeu-
tungsvolle Leistung des classischen schon in der Plandisposition
die Gleichmäfsigkeit des Triglyphon berücksichtigenden Stiles
der kolossale Peripteros, den man wegen seiner Grofse nach der
Gottheit hat benennen wollen, von der die Colonie selbst ihren
Namen entlehnt hat.

Sein Altar (Abb. 30 S. 31), der im Jahre 1852 13.50 m vor der
Ostfront von Ulisse Rizzi entdeckt (Mus. Borb. a. a. O. S. 18), aber
bisher doch noch nicht genügend untersucht und freigelegt
worden ist, ist auffallend klein (10.05 : 2.89j, sowohl gegenüber

dem Tempel, zu dem er gehört, als auch im Vergleich mit den
sehr grofsen Altären der beiden anderen, älteren Tempel; er ist
darum vielleicht ein Zeugnis für das Nachlassen des Interesses
an derartigen Bauwerken und an den Cultgebrauchen, denen sie
dienen sollten. Nach seinem Sockel muss das Pflaster um den
Tempel sehr tief gelegen haben; den Anschluss für die Pflaster-
platten könnte man an der Ostfront des Tempels an dem
Stereobat unter den Stufen erkennen wollen. In ganzer Länge
erhalten ist der Altar in der Stufe unter der Profilschicht, vom
Sockelprofil die NO.-Ecke. Nach Westen zu bricht der Bau ab,
lässt hier aber weiteren Anschluss erkennen; auch ist hier das
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