Neoptolemos erlaubt die Eingliederung der Szene in eine auch sonst bezeugte bildliche Tradition
der früharchaischen Periode1. Nicht entscheidend ist die Haartracht, obwohl auch sie eher für
Priamos spricht2.
Es bleibt ein gewisses Unbehagen gegenüber der Tatsache (s. oben S. 85), daß das ursprüng-
liche Vorhandensein eines Bartes wohl möglich ist, daß aber ein positiver, sicher gestalteter
Rest nicht erhalten ist3. Auch ein leises Bedenken bezüglich der Tracht soll nicht verschwiegen
werden. Der Zipfel des Mantels hängt hinten nicht tief und senkrecht herab, wie es bei
den Männern üblich ist, sondern liegt schräg auf dem Rücken4. Die Frauen erscheinen in
der korinthischen Vasenmalerei meist ruhig stehend, selten sitzend. Wie legten sie den Mantel,
wenn sie ihn nicht mit einer oder beiden Händen fassen konnten und beide Hände zur
Aktion brauchten? Auf der Brüsseler Olpe (Payne N. Nr. 1410. Pfuhl, MuZ. III 40, 175) hat
Thetis, um den rechten Arm frei zu haben, den Mantel nach Männerart unter der rechten
Achsel durchgezogen, während die Linke ihn hält. Aber auch wenn man den Wurf des Mantels
aus der Situation erklären wollte, so bliebe die Schwierigkeit der Deutung, die das Sitzen
sowohl für Helena wie für Hera ergibt. Auch eine Bedrohung Heras im Titanenkampfe ist
in dieser Form wenig wahrscheinlich, zumal sie bei Homer sich während des Kampfes zu
Okeanos und Thetis flüchtet und bei Hesiod unter den kämpfenden Göttinnen zu denken ist5.
Daher werden, solange nicht neue Denkmäler das Problem neu stellen sollten, die zuerst
genannten antiquarischen und ikonographischen Gründe die Deutung auf Priamos empfehlen.
Priamos flüchtet sich nach der literarischen und bildlichen Überlieferung zum Altar6. Es ist
indessen schwierig, in dem Sitze auf dem Giebelrelief einen Altar zu erkennen. Die Stufe, auf
der die Füße des Sitzenden ruhen, würde dazu passen, auch das horizontale Band, das etwa in
ein Drittel der Höhe erkennbar ist7. Aber der Grundriß des Blockes ist nicht rechteckig; die
hinteren Ecken sind vielmehr abgerundet. Bei der Sorgfalt der Arbeit ist es nicht möglich, daß
mit dem Ansteigen der Sitzfläche an der Rückseite ein Volutenschmuck gemeint ist, wie ihn
häufig Altäre zeigen8. Die Oberfläche scheint den Körperformen angepaßt zu sein. Daher hat
H. Möbius9 von einem Steinsitz gesprochen. Blockartige Sitze ohne dekorativen Schmuck,
allenfalls bisweilen durch ein horizontales Band ausgezeichnet10, erscheinen häufig in der Vasen-
malerei. Bisweilen steigt die Sitzfläche nach hinten gerade oder in einer den Körperformen ent-
sprechenden Rundung an; es kann sich allerdings auch um eine zeichnerische Anpassung
flüchtig ausgeführter Formen an die Silhouette des Körpers handeln11. In dem Sitze auf dem
Giebelrelief haben wir einen b-or/.oc wie den inschriftlich so bezeichneten zu erkennen, auf dem
Priamos in der Troilos-Szene der Franqoisvase sitzend dargestellt ist.
Was bedeutet das links hinter dem Sitzenden aufsteigende Gemäuer ? Ist es die Mauer
Ilions wie auf der Francoisvasc oder die otxG des Priamos?12 Die Schlankheit des Baues
könnte an eine Stadtmauer denken lassen, und als Mauer mit Zinnen ist es auch be-
zeichnet worden13. Aber Stadt und Haus werden in der archaischen, Kunst stets ausführlicher
1 R. Hampe, Frühe griechische Sagenbilder 82ff. u. AM. a. O. 273ff.
2 Hampe a. O. 274.
3 Vgl. Hampe AM. a. O. 273 f.
4 In einem kürzeren Zipfel erscheint er über die linke Schulter geworfen bei der Statue aus Tegea, Rodenwaldt, Kunst der Antike3
Taf. 165.
6 Theog. 667. Dazu Wilamowitz a. O. 10.
6 Hampe a. O. 82ff.
7 Vgl. die Hydria in Würzburg, Langlotz 311 Taf. 88.
8 Hampe a. O. 276, Anm. 2.
9 AM. 41, 1916, 194.
10 Z. B. C. V. Brit. Mus. H. e, pl. 81, 3 u. 89.
11 Z. B. Gerhard, Etrusk. u. Kamp. Vasenb. Taf. 19. C. V. Brit. Mus. H. e, pl. 79, 3, 81, 2. Graef-Langlotz, Akropolis II Taf. 14, 258.
12 Paus. X 27, 2. Homerischer Becher Jdl. 13, 1898, 80ff.
13 Hampe a. O. 277.
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der früharchaischen Periode1. Nicht entscheidend ist die Haartracht, obwohl auch sie eher für
Priamos spricht2.
Es bleibt ein gewisses Unbehagen gegenüber der Tatsache (s. oben S. 85), daß das ursprüng-
liche Vorhandensein eines Bartes wohl möglich ist, daß aber ein positiver, sicher gestalteter
Rest nicht erhalten ist3. Auch ein leises Bedenken bezüglich der Tracht soll nicht verschwiegen
werden. Der Zipfel des Mantels hängt hinten nicht tief und senkrecht herab, wie es bei
den Männern üblich ist, sondern liegt schräg auf dem Rücken4. Die Frauen erscheinen in
der korinthischen Vasenmalerei meist ruhig stehend, selten sitzend. Wie legten sie den Mantel,
wenn sie ihn nicht mit einer oder beiden Händen fassen konnten und beide Hände zur
Aktion brauchten? Auf der Brüsseler Olpe (Payne N. Nr. 1410. Pfuhl, MuZ. III 40, 175) hat
Thetis, um den rechten Arm frei zu haben, den Mantel nach Männerart unter der rechten
Achsel durchgezogen, während die Linke ihn hält. Aber auch wenn man den Wurf des Mantels
aus der Situation erklären wollte, so bliebe die Schwierigkeit der Deutung, die das Sitzen
sowohl für Helena wie für Hera ergibt. Auch eine Bedrohung Heras im Titanenkampfe ist
in dieser Form wenig wahrscheinlich, zumal sie bei Homer sich während des Kampfes zu
Okeanos und Thetis flüchtet und bei Hesiod unter den kämpfenden Göttinnen zu denken ist5.
Daher werden, solange nicht neue Denkmäler das Problem neu stellen sollten, die zuerst
genannten antiquarischen und ikonographischen Gründe die Deutung auf Priamos empfehlen.
Priamos flüchtet sich nach der literarischen und bildlichen Überlieferung zum Altar6. Es ist
indessen schwierig, in dem Sitze auf dem Giebelrelief einen Altar zu erkennen. Die Stufe, auf
der die Füße des Sitzenden ruhen, würde dazu passen, auch das horizontale Band, das etwa in
ein Drittel der Höhe erkennbar ist7. Aber der Grundriß des Blockes ist nicht rechteckig; die
hinteren Ecken sind vielmehr abgerundet. Bei der Sorgfalt der Arbeit ist es nicht möglich, daß
mit dem Ansteigen der Sitzfläche an der Rückseite ein Volutenschmuck gemeint ist, wie ihn
häufig Altäre zeigen8. Die Oberfläche scheint den Körperformen angepaßt zu sein. Daher hat
H. Möbius9 von einem Steinsitz gesprochen. Blockartige Sitze ohne dekorativen Schmuck,
allenfalls bisweilen durch ein horizontales Band ausgezeichnet10, erscheinen häufig in der Vasen-
malerei. Bisweilen steigt die Sitzfläche nach hinten gerade oder in einer den Körperformen ent-
sprechenden Rundung an; es kann sich allerdings auch um eine zeichnerische Anpassung
flüchtig ausgeführter Formen an die Silhouette des Körpers handeln11. In dem Sitze auf dem
Giebelrelief haben wir einen b-or/.oc wie den inschriftlich so bezeichneten zu erkennen, auf dem
Priamos in der Troilos-Szene der Franqoisvase sitzend dargestellt ist.
Was bedeutet das links hinter dem Sitzenden aufsteigende Gemäuer ? Ist es die Mauer
Ilions wie auf der Francoisvasc oder die otxG des Priamos?12 Die Schlankheit des Baues
könnte an eine Stadtmauer denken lassen, und als Mauer mit Zinnen ist es auch be-
zeichnet worden13. Aber Stadt und Haus werden in der archaischen, Kunst stets ausführlicher
1 R. Hampe, Frühe griechische Sagenbilder 82ff. u. AM. a. O. 273ff.
2 Hampe a. O. 274.
3 Vgl. Hampe AM. a. O. 273 f.
4 In einem kürzeren Zipfel erscheint er über die linke Schulter geworfen bei der Statue aus Tegea, Rodenwaldt, Kunst der Antike3
Taf. 165.
6 Theog. 667. Dazu Wilamowitz a. O. 10.
6 Hampe a. O. 82ff.
7 Vgl. die Hydria in Würzburg, Langlotz 311 Taf. 88.
8 Hampe a. O. 276, Anm. 2.
9 AM. 41, 1916, 194.
10 Z. B. C. V. Brit. Mus. H. e, pl. 81, 3 u. 89.
11 Z. B. Gerhard, Etrusk. u. Kamp. Vasenb. Taf. 19. C. V. Brit. Mus. H. e, pl. 79, 3, 81, 2. Graef-Langlotz, Akropolis II Taf. 14, 258.
12 Paus. X 27, 2. Homerischer Becher Jdl. 13, 1898, 80ff.
13 Hampe a. O. 277.
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