Krause, Katharina [Hrsg.]; Holbein, Hans [Ill.]
Hans Holbein der Ältere — München , Berlin, 2002

Seite: 141
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Die >Passion< des Dominikaneraltars 141

mußte, also dem >Gebet am Ölberg< unmittelbar folgt,
und daß sich die >Kreuztragung< auf die >Kreuzigung<
hinbewegen sollte. Daß für die >Veronika< ein eigenes
Bildfeld, der Zwickel als Gegenüber der drei Schwe-
stern, reserviert wurde, hebt die Namenspatronin der
ältesten Schwester hervor und bindet sie - als Vorbild
der Schwestern - zugleich in die Szenenfolge ein.

Die obere Zeile mit >Geißelung<, >Dornenkrönung<
und >Handwaschung des Pilatus< dagegen reiht in der
Lesefolge von links nach rechts die Ereignisse chro-
nologisch aneinander, dabei gerät die »Dornenkrö-
nung< in die Mitte. Dem für die »Graue Passion< ange-
wandten Verfahren hätte es entsprochen, das Bild
seinem Platz auf der Mittelachse kompositioneil
anzugleichen - der thronende Christus der »Dornen-
krönung< aber ist, trotz seiner mittigen Position, in
Schrägansicht gezeigt. Mangel an Konsequenz war
auch an der »Grauen Passion« zu beobachten, freilich
nicht an so auffallender Stelle. Wie in der »Grauen
Passion« sind die Akteure an ihrer Ausstattung zu
identifizieren und von Szene zu Szene weitergeführt.
Das Entwurfsverfahren ist also ähnlich, und Holbein
selbst, der dabei den Wünschen der Schwestern folg-
te, wird die Ordnung der Szenen zu einem Gedächt-
nisbild zuzuschreiben sein, das innerhalb einer Pas-
sionserzählung ausreichend Aufmerksamkeit auf die
Verstorbenen lenkt und damit der Funktion der Tafel
entspricht.

Doch nicht nur der Umgang mit der Bildtafel als
ganzer, auch einzelne Figuren führen die »Graue Pas-
sion« und das Vetterepitaph zusammen. Der Johannes
des »Olbergs« ist bis in Einzelheiten hinein identisch,
ebenso gleicht der Christus derselben Szene dem Chri-
stus der »Grauen Passion«, allerdings ist die Figur ge-
wendet. In der »Dornenkrönung« entsprechen sich der
kniende »Malchus« und der Pilatus. Die Kostüme
allerdings sind verschieden, am Epitaph generell we-
niger aufwendig in den Details; zur Identifikation der
Figuren trägt hier vor allem die Farbigkeit bei.

Das Vetterepitaph bietet eine sparsame Fassung der
Passion. Der nicht allzu hohe Preis von 26 Gulden - die
»Marienbasilika« wurde im selben Jahr mit 60 Gulden
bezahlt'17 - ist verständlich, wenn man die geringe
Zahl der Figuren, die im Kontrast zur »Marienbasilika«
oder zur »Grauen Passion« schlichtere Fassung einzelner
Figuren12-8 und den Verzicht auf Maßwerk und Vergol-
dung bedenkt. Aus den Beobachtungen, daß das Vet-
terepitaph der »Grauen Passion« nahesteht, im einzelnen
aber manches reduziert, wird man also kein Argument
für die alleinige Ausführung durch die Werkstatt ab-
leiten können. Ähnliches gilt für das Kolorit: Die von
»eigenhändigen« Arbeiten dieser Jahre abweichende,
farbige Erscheinung allein wird die Zuweisung an einen
Gesellen nicht begründen können - wir wissen nichts
über die Folgen der zweifellos vertraglichen Verein-
barung über die Kosten für die Farbigkeit der Tafel.129

Die >Passion<

des Dominikaneraltars

Die Predella und die Flügelbilder des Frankfurter
Altars müssen getrennt behandelt werden. Die fünf
Passionsbilder in der Predella (Abb. 102) sind in der
Erzählfolge auf das »Abendmahl« in der Mitte hin
geordnet, das Verfahren ist vom Vetterepitaph
bekannt.130 Die Figuren sind in Physiognomie und
Kleidung, insbesondere auch durch die Farbigkeit
gekennzeichnet, sie lassen sich von Bild zu Bild wie-
der identifizieren. Die plausiblen Handlungsabläufe,
d.h. auch die Beherrschung der Figurenvorlagen und

100. Hans Holbein: Vetterepitaph (Augsburg, Staatsgalerie,
I79>5 x 27I>S cm)

die in gut erhaltenen Partien noch sichtbare Sorgfalt
der Ausführung lassen keinen Zweifel, daß hier
hauptsächlich der Werkstattleiter entwerfend und
ausführend tätig war.

Anders steht es mit den acht großen Bildern zur
Passion, die in der zweiten Wandlung des Altars zu
sehen war (Abb. 101). Die acht Szenen sind auch in
der »Grauen Passion« vertreten, allerdings ist das »Ver-
hör vor Hannas« durch ein »Verhör vor Pilatus«
ersetzt, die »Grablegung« ist nur durch Zeichnungen
überliefert. Die Differenzen zwischen den beiden
»Ausgaben« der Passion lassen sich am besten an den
Szenen aufzeigen, die die größten Ubereinstimmun-
gen bieten: die »Gefangennahme« und die »Ostentatio
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