Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Kleinkunst auf der Münchener Kunstausstellung.

unter den verwickelten Verhältnissen der diesjährigen
internationalen Ausstellung, unter Vorurtheil aller
Art, unter dem Mangel einer Organisation, dein
Fehlen jeglicher Unterstützung Seitens kapitalkräftiger
und einflußreicher Vereine und Genossenschaften: kurz
unter den denkbar ungünstigsten Umständen ist sie
geboren, und daß dabei nur ein etwas zartes
Aind an's Licht der Welt treten konnte, wer wollte
sich darüber wundern?"

„Nicht einmal eine äußerliche Einheitlichkeit
konnte erreicht werden, pätte man nach einem be-
stimmten Plane, wie etwa in Dresden, vorgehen
wollen, so wären
dazu ganzsandere
Ulittel erforder-
lich gewesen.')

Da diese gänzlich
fehlten, und nir-
gends auch nur
die geringste Be-
reitwilligkeit be-
stand, einen, wie
man meinte, völ-
lig aussichtslosen
Versuch zu wa-
gen, da man da-
her sich im besten
Falle,wo hlwol-
lend passiv'
verhielt — mit
welcher Art
Wohlwollen be-
kanntlich keine
großen Dinge ge-
macht werden
können! •—, so
mußte man sich

einrichten, so gut es eben ging. Diese Ver-
hältnisse müssen eben berücksichtigt werden,
will man ein billiges Urtheil abgeben."

* -i-

■f-

Eine Besprechung dieser Aleinkunst-
ausstellung kann der Frage nicht ausweichen: welchen
Umständen verdankt diese neue Aleinkunst
ihr Dasein und welche Ziele verfolgt sie?

Jede Uebertreibung itach der einen Seite ruft
eine Reaction nach der anderen Seite wach; je weiter
das Pendel nach rechts geschwungen, mn so weiter
schwingt es dann wieder nach links, kjat man früher
verschwenderisch dekorirt und ornamentirt, so will

') (Eins der fünf Zimmer der Dresdener Ausstellung soll
allein 25 ooo Mk. gekostet haben; in München standen in Summa
— 800 Mk. zur Verfügung I

ntan dantit jetzt sparsan: umgehen — hat man zu
einseitig die alten Arbeiten ihrer äußeren Form nach
copirt, obgleich die Voraussetzungen, aus denen jene
hervorgegangen sind — technisch und culturell —
heute vielfach nicht mehr zutreffen, so stimmen jetzt
die Extremen unter den „Zungen" das Feldgeschrei
an „fort mit den Alten".

Man kann getrost behaupten, daß nirgends die
Ehrfurcht vor alter Aunst so mächtig ist als in Aünstler-
kreisen; wo gäbe es ein Uünstleratelier, worin keinerlei
„Urväter kjausrath dreingestopft" wäre? Aber bei
aller Hochachtung vor den alten Meistern sträubt sich

doch inanches
ächten Aünstlers
Stolz gegen die
Zumuthung, der
Sclave früherer
Jahrhunderte zu
sein. Wohl giebt
es erste Uünstler,
die ganz in dem
Sinne der Alten
zu schaffen ver-
stehen ; aber es
gibt auch genug
Aünstler, welche
nur mit einem ge-
wissen Mißmuth
so viel Selbstver-
läugnung übten,
um die „Mas-
kerade" — wie sie
ernennen — mit-
zumachen. Und
die große Mehr-
heit der Uunst-
handwerker, wel-
che die äußeren Formen genau ablernt,
ohne sich übepderen Entstehung, Bedeutung
oder Zweckmäßigkeit in jedem besonderen
Falle Gedanken zu machen, bewegte sich
in ihrer Unselbständigkeit einfach auf den
von den Künstlern gewiesenen Wegen.

So hielt man, als in den siebziger Zähren das
Bedürfnis nach künstlicher Ausgestaltung des Alltags-
lebens wieder erwacht war, sich an die alten Vor-
bilder, die man den modernen Forderungen schlecht
und recht anpaßte. Man verraininelte sich z. B. die
schönste Aussicht mittels Buzenscheiben, bloß um die
malerische Stimmung eines „alten peims" zu genießen
oder weil's die Alten so gemacht haben, ohne sich zu
überlegen, daß dieselben Alten sicher mit allen Fingern
danach gegriffen hätten, wären ihnen die großen,
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