Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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ohn Vubkin. (Der
(Apostek der modernen
engk. (>lunstßewegung.

(Von F. Schumacher.

John Ruskin ist ein seltsames Beispiel dafür,
selbst in unseren Tagen, wo die Presse so eifrig
aufmerkt, jede interessante und maßgebende Erschei-
nung in den Areis ihrer Betrachtung zu ziehen und
literarisch auszubeuten, dennoch ein Mann in Deutsch-
land so gut wie unbekannt bleiben kann, der im
-lachbarlande seit Jahren eine führende Rolle be-
hauptet, und zwar eine Rolle in gerade der Bewegung,
l^le uns in höchstens Grade in Mitschwingung versetzt
hat. — Der Name Ruskin erweckt in jedem einiger-
maßen gebildeten Engländer die Borstellung eines
ganzen künstlerischen und sozialen Programmes, in
Deutschland ist er in den letzten Wochen streifend er-
wähnt, wenn von englischer Aunst die Rede war,
aber noch heute muß man von Fachleuten der Hrage
Sewärtig sein, ob das ein moderner russischer Dichter-
ei; in England weiß ein jeder, daß dieser Mann
^er geistige Bater jener englischen Aunstrenaissance
die als sogenannte „moderne Richtung" an-
langt die ganze Aunstgewerbewelt in Bewegung
Zu setzen, ^— in Deutschland ist kein einziges seiner
Zahlreichen Merke übersetzt worden ft; in England

‘) Ls giebt in deutscher Sprache nur zwei Bändchen, in
denen Bruchstücke ans Ruskin's Werken unter den Titeln:
»Was wir lieben und pflegen müssen" und „Wie wir arbeiten
und wirtschaften müssen" von Jakob Feis recht geschickt zu-
sammengestellt sind. Verlag von fteitz, Straßburg.

zahlt rnan die wahnsinnigsten Preise für alte Auf-
lagen seiner Schriften, nian hat zahlreiche Ruskin-
Gesellschaften gegründet und eine Zeitschrift zur Ver-
breitung seiner Gedanken in's Leben gerufen, — in
einer Stadt wie Leipzig ist nicht ein einziges seiner
Bücher in irgend einer der reichen Bibliotheken vor-
handen. — Und das ist nicht ein Mann, der etwa
in den letzten Jahren als glänzender Stern einer
Moderichtung auftaucht, sondern ein Mann, der
Englands Geister seit den vierziger Jahren (er wurde
(8\9 geboren) in steter Erregung hält, ein Mann,
von dessen Merk Earlyle sagt: „Jegliches Mort ist
mir nicht itur aus dem Perzen, sondern ist vom
ewigen Pimmel herab gesprochen, es sind mit empy-
räifcher Weisheit geflügelte Worte", ein Mann dem,
nebenbei gesagt, die Engländer fast ausnahmslos
den Ruhm zuerkennen, der beste lebende Stilist ihrer
Sprache zu fein.

Es ist nicht leicht, von dieser umfassenden und
komplizirten Persönlichkeit in wenigen Strichen eine
richtige Vorstellung zu geben, und doch muß man
versuchen, wenigstens einige Züge seiner Gesammt-
erscheinung festzustellen, wenn man seinen Einfluß
speziell auf die moderne Run st- und Runstgewerbe-
richtung wirklich verstehen will.

Ruskin ist vor allem ein begeisterter Feind der
modernen Rulturentwicklung. Seine idealistische Welt-
anschauung sieht in ihr auf allen Gebieten des mensch-
lichen Lebens die Zerstörerin der edlen Reime. Der
Grundgedanke all' seines Wirkens ist deshalb ein
Zurückgehen zur Natur. Diesen Gedanken würde er
ja mit manchem anderen Idealisten theilen; was ihn
bei Ruskin so interessant und wirkungsvoll macht, ist

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