Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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326. Zierleiste von p. Siircf, München.

er deuiscße (Kuehdrueü
auf neuen ^Vegen.
(Von Dr. P. Jessen.

Auch im Buchgewerbe gährt es. Blau blicke
ui die Schaufenster der Buchhändler, man blättere
'n unseren Kunstzeitschriften, man prüfe Text und
Beilagen der Buchdrucker-Fachpresse, man horche
auf die Debatten in den typographischen Kreisen;
überall drängen neue Ansichten und Absichten an's
^icht. Auch dies nicht ohne Anregung vom Aus-
*ar>k her; englische Bücher, Zeitschriften und Illu-
strationen haben uns zu denken gegeben; aus Amerika
stießen allerhand Drucksachen zu, die technisch und
künstlerisch gleich reizvoll sind; wir haben allen An-
taf?/ auch auf diesem Gebiete die Grundsätze aufzu-
st'chen, die uns in diesem Fremden anmuthen. Auch
^ster gilt es, nicht leichthin nachzuahmen, sondern zu
begreifen und zu lernen, um auch im Neuen deutsch
Zu werden.

Es ist nicht schwer, aber auch nicht eben er-
wuthigend, diese Wahrheiten darzulegen, die wir
heute auf dem Umwege über England und Amerika
wieder lernen. Wir hätten es näher haben können;
^enn sie sind nichts anderes als die Grundsätze unserer
eigenen Borfahren, der alten deutschen Drucker,
^lehmt irgend ein Buch des sä. Jahrhunderts zur
^)and, je früheren Datums desto besser: wie weich
und doch fest ist das Papier, wie gefällig bewegt
stst seine Struktur, wie warm ist sein Ton; wie saftig
Druckfarbe, wie kräftig die Type, wie satt und
Teschlossen das ganze Druckbild; wie völlig stimmen
Schrift, die Initialen, die Bilder in einander;
welch' köstliche Gesundheit und Harmonie. Und
daneben ein modernes „prachtwerk", an denen

der deutsche Büchermarkt so reich ist: ein kreidiges
Papier von künstlicher Glätte und spiegelndem Glanz;
eine dünne, blasse Schrift; die Initialen und Bcr-
ziernngen meistens kleinlich und bunt, die Illustra-
( tionen breit und aufdringlich den Text übertönenü;
das Ganze zum Lesen völlig unhandlich, kaum zum
flüchtigen Blättern verführend.

Ts ist wahr, unsere Leser und unsere Drucker
: haben im Ganzen wenig Gelegenheit, gute alte
Bücher bequem zu studiren oder gar ihre Borzüge
wie etwas Selbstverständliches sich einzuprägen. Die
Ausstellungssäle unserer großen Bibliotheken werden
schwach besucht; nur Leipzig hat in seinem Buch-
gewerbe-Museum ein auf die Praktiker berechnetes
, Institut, das jedoch der genügenden Ausnützung
noch harrt. In London geht jeder Besucher des
British Museum auch durch die inhaltreiche Buch-
ausstellung; in Paris stellt ein langer Saal in der
Nationalbibliothek die volle Geschichte des Buch-
schmuckes anschaulich dar. Bei uns streiten die
Bibliotheken, die Kupferstichkabinette und die Ge-
werbe-Museen sich um die pflege dieses Gebietes
und am Ende geschieht nirgends etwas Ordentliches.
In der kunstgewerblichen Bewegung der letzten dreißig
Jahre ist das Buchgewerbe das Stiefkind gewesen.

Um so höher haben wir die Männer zu ehren,
die ohne Staats- und Schulhülfe ihr Bestes eingesetzt
haben, um den heutigen deutschen Buchdruck an das
gute Alte anzuschließen. Man wird es mir nicht
verargen, wenn ich von vielen nur zwei Namen
nenne: Br. Rüttler als Drucker und Otto Hupp als
Zeichner. Kenner der Alten und Künstler zugleich,
haben die Meister der Münchener Druckerkunst in
dem bekannten altdeutschen Stil eine Richtung ge-
schaffen, bei welcher Typen, Verzierungen, Satz und
Buchschmuck künstlerisch trefflich ausgeglichen waren.

I Es ist zu beklagen, daß die gesunden Grundsätze,

Kunst und Handwerk. 47. Iahrg. Heft 7.

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