Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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<H5. Zierleiste von Lhr. N e u r e n t h e r.

oderne Uunskiöpfereien
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UunskgewerKeinuseuin
zu Kerkm. TGTGK

Ant 26. April ist im großen Lichthof des Ber-
N'tet Kunstgewerbemuseums eine sehr lehrreiche Aus-
stellung von Arbeiten der modernen Kunsttöpferei
eröffnet worden. Wenn sie auch nicht auf lückenlose
Vollständigkeit Anspruch erheben darf, so reicht sie
koch durchaus hin, ein klares, abgeschlossenes Bild
ker künstlerischen Thätigkeit auf diesen: Gebiete zu
Jeden. Wohl auf keinem anderen Felde kunstgewerb-
lichen Schaffens hat die „neue Kunst" so erfolgreich
gearbeitet, nirgends liegen so erfreuliche, zum Theil
schon ansgereifte Resultate vor; nirgendwo läßt sich
Ursprung, Entwickelung und Ziel der ganzen Be-
legung so deutlich verfolgen. Zahlreiche Künstler,
kenen die Beschränkungen, die Material und Technik
ker künstlerischen Intention auferlegen, itur ein be-
sonderer Anreiz war, haben mit Chemikern und
^unsttopfern von Berus nt der Erzeugung reizvoller
Produkte gewetteifert. Gerade der gesuitde Zwang,
ken Stoff und ^erstellungsweise dcnt künstlerischen
schaffen eittgegenstellett, scheiitt ihre Schöpfungskraft
^'st recht gestählt und vor Verirrungen mehr wie
anderswo bewahrt zu haben.

Gewifferntaßen die historische Einleitung zur
Ausstellung bilden die gleich ant Eingänge aus-
Jestellten Erzeugnisse der ostasiatischen Kunsttöpferei:
Chinesische Porzellane mit prachtvollen einfarbigen
Glasuren, von einem Netz feiner Haarrisse über-
sponnen, oder mit geflammten Rothglasuren, bei
kenen das Kupferroth unter der Einwirkung der
Feuergase in blaue und violette Töne über-
Jegangen ist, japanisches Steinzeug mit Keberlauf-
Tlasuren, deren köstliches Farbenspiel auch den
verwöhntesten Farbensinn intmer von Neuem ent-

zückt; endlich eine Anzahl von porzellanen des japa-
nischen Töpfers Kozan aus Makudzu bei Kioto, der
seine Gefäße mit Thier- und Pflanzenmotiven in
Unterglasurmalerei dekorirt. In diesen ostasiatischen
Thongefäßen ist nämlich der Ausgangspunkt der
modernen Keramik Europas zu suchen. Die beiden
Dekorationsweisen, wie sie in dieser Gruppe chinesi-
scher und japanischer Porzellan- und Steinzeug-
gefäße vertreten sind: die auf rein koloristische
Wirkungen berechneten farbigen Glasuren und die
Unterglasurntalerei mit Naturmotiven in
der impressionistischen Darstellungsweise der
Japaner, sind es auch, welche die europäische Kunst-
töpferei der Neuzeit beherrschen. Daß wir es hierbei
mit verwandten Erscheinungen zu thun haben wie
in der ntodernen Malerei, bezeugt, daß wir endlich
den Zusammenhang zwischen Kmtst und Kunst-
gewerbe, die so lange in betrüblicher Scheidung
leben mußten, wieder gewonnen haben. Es scheint,
daß besonders jene köstlichen Farbenstimmungen, wie
sie die moderne Keramik erzeugt, eine Reihe von
Künstlern angclockt hat, diesen so fruchtbaren
Boden zu bebauen. Ist ihnen doch hier die Mög-
lichkeit gegeben, ihre kühnsten Farbenträume der Ver-
wirklichung nahe zu bringen.

Die Produkte dieser neuen Kunst lassen sich nun
in zwei Pauptgruppen sondern. Auf der einen Seite
steht das Porzellan, auf der anderen die übrigen
Thonarten, vor Allem das Steinzeug und Steingut
mit farbigen Glasuren, dann die Fayence und ver
wandte Arbeiten mit porösem Thonkern. Die Stoffe
der zweiten Gruppe besitzen allerdings nicht die treff
lichen Eigenschaften des Porzellans, welche dasselbe
in seiner Verwendung als Eß- und Triitkgeschirr
unschätzbar machen, vor Allent nicht das saubere
Weiß, die glatte, leicht zu reinigende Vberfläche, die
Widerstandsfähigkeit gegen Temperaturwechsel, son-
dern sie sind, was ihre Verwendung zu praktischen
Zwecken angeht, oft unbrauchbar, schwer zu säubern

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Aunst und Handwerk. 47. Iahrg Heft 9.

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