Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Frankreichs und Deutschlands Unnsthaudwerk in französischer Beleuchtung.

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Nachdem es in Deutschland und Frankreich nicht
nur jahrzehnte-, sondern jahrhundertelang als ein
unumstößliches Dogma gegolten hat, daß das fran-
zösische Gewerbe dem deutschen überlegen sei, lassen
sich seit einigen Jahren in Frankreich immer mehr
Stimmen vernehmen, welche mit Besorgniß aus das
Emporblühen der deutschen Runstindustrie Hinweisen,
wir dürfen wohl voit derartigen Stimmen mit einer-
gewissen Genugthuung Notiz itehnren, aber ohne uns
deßhalb durch das vom Ronkurrenten gespendete Lob
blenden zu lassen; vielmehr muß uns die Thatsache,
daß man in Frankreich die deutsche Runstindustrie
zu fürchten begonnen hat und ihr entgegenzutreten
sich anschickt, zu neuer Airstrengung anspornen. Zwei
bemerkenswerthe Aeußerungen der französischen Fach-
presse mögen hier ihre Stelle finden.

Zn den letzten Numrnern der von Arthur Maillet
redigirten »L'art decoratif moderne« leitet dieser die
Besprechung der „ausländischen und französischen"
Runstzeitschristen mit Betrachtungen ein, die zum
Theil für uns von so tiefgehendem Interesse sind,
daß wir einen Theil davon wenigstens auszugsweise
zum Abdruck bringen müssen.

Nach einigen einleitenden Worten, in welchen
der Verfasser darauf hinweist, daß die Runstzeit-
schriften Englands schon seit Jahren auch dem
modernen Runsthandwerk dienen, während in Deutsch-
land im Laufe des letzten Jahres die Mehrzahl der
ähnlichen Grgane entweder ganz neugegründet oder
doch wenigstens verjüngt worden ist, fährt er fort:

„Deutschland befindet sich — wir fangen an,
es zu bemerken — in einer Periode großartiger
Entwickelung. Im Besitz der militärischen Ueber-
legenheit wollte es auch die industrielle und kom-
merzielle Ueberlegenheit, und es steht auf dem Punkte,
dieselbe zu besitzen. Pente will es die künstlerische
Ueberlegenheit. Franzosen halten das für ein Traum-
gebilde; sie täuschen sich, wenn man vor einigen
Jahren unfern Juwelieren von den Schulen in Pforz-
heim und Hanau sprach, lachten sie geringschätzig;
jetzt haben sie aufgehört zu lachen. Der deutsche
Schmuck ist sogar in den Läden der Boulevards ein-
geführt. Nicht Paris ist mehr das Lentrum, von
welchem aus sich die ganze Welt versorgt, sondern
Pforzheim. Denjenigen, welche glauben, daß ich
übertreibe, theile ich mit, daß eines der bedeutendsten

französischen Häuser im Begriffe steht, in jener Stadt
eine Succursale zu errichten. Ich könnte noch mehrere
andere, nicht minder wichtige Thatsachen anführen."

„Die von den Deutschen angewandte Methode,
um zum Erfolg zu gelangen, ist für Niemand ein
Geheimniß. Sie läßt sich zusammenfassen in die
Worte: Arbeit und Geduld. Die Ursachen ihrer
industriellen und kommerziellen Erfolge sind die
gleichen wie die ihrer militärischen. Man kann sich
keine ähnlicheren Situationen vorstellen."

Der Verfasser schildert hierauf die „Blindheit" des
französischen Volkes und die „Selbstgefälligkeit" des
französischen Militärs vor f870 und vergleicht die-
selben mit der stillen Wachsamkeit und der weisen
Voraussicht des Rommenden auf deutscher Seite.

„Bei solcher Rückschau und nach einer solch'
grausigen Erfahrung erscheint unsere Sorglosigkeit,
für welche wir die Verantwortlichkeit auf die Männer
des Raiserreichs abzuladen belieben, wie eine un-
geheuerliche Thorheit. Nun haben wir sie erneuert
unter genau gleichen Bedingungen auf dem Gebiet
des Handels und der Industrie."

„Die Armee war geschlagen, man mußte das
einräumen. Aber Frankreich war in seinem Lebens-
nerv nicht getroffen. Es blieb ein wunderbar frucht-
bares Land, das in kurzer Frist Vergeltung zu nehmen
hoffte, wir waren stolz auf unfern Handel und
unsere Industrie, genau so wie wir es früher auf
unsere Armee waren, hier wenigstens hatten wir
keine Ueberrumpelung zu befürchten. Nufere Neber-
legenheit beruhte auf den Eigenschaften der Rasse,
und gegen diese Eigenschaften konnte nichts auf-
kommen. wir hatten unsere großen Industriellen,
wie wir unsere großen Soldaten hatten, und wie
diese überschütteten wir jene mit Lob und Auszeich-
nung. Die Deutschen ließen uns machen und reden,
und drängten sich nach und nach in das Räderwerk
unserer Thätigkeit. Zu gleicher Zeit besuchten sie
die fernsten Länder und studirten die Bedürfnisse ihrer
Bewohner."

„wir nannten diese Arbeit Spionage. Sie ver-
dient aber keineswegs diese verächtliche Bezeichnung,
denn die erste Pflicht eines Geschäftsmannes ist, so
genau als möglich über die Hilfsquellen seiner
Ronkurrenten und die Bedürfnisse seiner Räufer
unterrichtet zu werden, hören wir doch endlich auf,
unsere Schwächen mit Heucheleien zu bedecken!"

„wie dem auch sei, das Ergebniß ist da, und
das allein ist von Wichtigkeit. Nach Ablauf von
20 Jahren hat diese Folge von Anstrengungen ein
Deutschland geschaffen, das sich nicht allein von
uns befreit, sondern auch sich unserer bemächtigt
hat. Es ist durchaus überflüssig, darüber weiter zu
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