Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Frankreichs und Deutschlands UunstKandwerk in französischer Beleuchtung.

französischen Industrien überaus nothwendig, darunter
auch die Keramthätigkeit Frankreichs iticht eben zum
Mindesten.

pören wir, wie sich der genannte Beauftragte
über einige Pauptplätze in seinen Berichten äußert:

In Limoges, dem großen URttelpunkt französi-
scher Porzellanbildnerei, hat sich während des letzten
Dezenniums die Produktion stetig in Steigerung be-
funden, — aber, sowohl auf den einheimischen wie
aus den ausländischen Märkten hat Deutschland in
allerhand Luxus- und Phantasieartikeln Frankreich
vollständig ausgestochen.

InVierzon hat die dortige gewaltige Thonwaaren-
industrie seit etwa zehn Jahren einen geradezu riesigen
Aufschwung genommen, allein es herrscht zu ihrer
naturgemäßen Fortentwickelung allda der — bitterste
Mangel an geschickten Modelleuren und Verzierern.

In Rouen hat die Bezirksschule der schönen
Künste in ihrem Lehrplan nur — einen einzigen
Kursus für Zeichne:: nach der lebendigen Pflanze
und dieser wird zur Zeit nur von — neun Schülern
srequentirt, welche mehr zu ihren: — Privatvergnügen
daran Theil nehmen, wie un: sich in die dekorative
Kunst einweihen zu lassen.

In Lille ist die Keramik gegen früher ganz
gewaltig zurückgegangen, weil es an — technisch
ausreichend vorgebildeten Arbeitskräften fortgesetzt
fehlt. Drei Viertel sind zur Zeit — Belgier.

In Roubaix ist vor etwa s6 Jahren eine staat-
liche Kunstgewerbeschule begründet worden, aber —
das Institut ist so erbärmlich sundirt und funktionirt
so schlecht, daß, um diese Lücke auszusüllen und den
Schülern ihre offene Gleichgültigkeit und Feindselig-
keit gegen die Schule zu benehmen, dortige Indu-
strielle neuerdings aus — eigenen Mitteln ein
„Technisches Institut" ins Leben gerufen haben.

Aus diesen Beispielen geht genugsan: hervor,
daß — wie Vauchon auch ganz richtig erfaßt hat —
die französische Industrie an einer sehr inangelhasten
Organisation des gewerblichen Unterrichts erkrankt
ist, aus diesen Beispielen läßt sich ferner erkennen,
daß in Frankreich ein riesiges — sage man — Miß-
verständniß zwischen den dortigen Gelehrten und den
dortigen Praktikern herrscht. Die ersteren — stolz
und schier unnahbar in die „Toga der reinen Missen-
schaft" gehüllt — schauen verächtlich dort zu Lande
herab auf die letzteren, welche ihrerseits jene vielfach
mit unbarmherzigen: Spotte der Träumerei und der
Haarspalterei bezichtigen.-

Deutschland besitzt technische Institute größten
Stils, in welchen eine Arrnee von Zeichnern darauf
bedacht ist, den Bedürfnissen und den: Geschnmck
eines bestimmten Landes angepaßte Modelle zu er-

finden. Nicht nur jedes große keramische Ttablisse-
ment in Deutschland besitzt ein gut ausgerüstetes
Laboratorium, sondern auch die angesehene Fachpresse
hat zun: Theil ihrem literarischen Wirken eine erfolg-
reiche Thätigkeit auf den: Gebiete der Chemie an-
gegliedert, erfolgreich insofern, als damit sich für die
kleineren Betriebe der Branche in Ermangelung
eines eigenen Laboratoriums gleichfalls Gelegenheit
bietet, ihre Rohstoffe rc. fachinännisch untersuchen
zu lassen. Und erst unsere deutschen keramischen Fach-
schulen! Mie verstehen sie es auf ihrer ganzen Linie,
auch den unmittelbaren Produzenten das unentbehr-
liche theoretische Missen und die Liebe zum Beruf
beizubringen und illustrieren solchergestalt aufs Treff-
lichste den alten Grundsatz: „Menu auch zwei das-
selbe thun, so braucht es immer noch nicht faktisch
dasselbe zu sein". —-

„Lasset uns auch unfern Nachbarn nacheisern",
ruft p. Maurice Schwöb am Schluß seiner Ver-
öffentlichung ii: genanntem französischem Fachblatt,
doch wir Deutsche sind hoffentlich bescheiden genug,
unter den „Nachbarn" uns nicht nur allein zu fühlen,
sondern auch Belgien mit zu diesen zu zählen, welches
Land im Punkte der gewerblichen Organisation —
wie man neidlos zugeben n:uß — noch über
uns steht.

„Lasset uns auch" — so schließt der erwähnte
Artikel — „jene mächtigen Gemeinschaften kon-
struiren, welche einen anrerikanischen Konsul ver-
anlaßten, Deutschland das Land der Unionen zu
nennen, lastet uns aber vor Allem jenes Mahrwort
endlich einmal gründlich beherzigen: ,Missen ist

Können !‘"

modische Lachkiieratur.

Noch nie hat sich ein solcher Segen
an illustrirten Fachzeitschriften über die
erstaunte Melt ergossen wie ii: der Ge-
genwart. Die Billigkeit und Güte der Reproduk-
tionsverfahren, — die Vervollkommnung der Buch-
druckerpresse, namentlich in Richtung des Farben-
drucks, — der Ueberschuß an jungen künstlerischen
Kräften, die nach Bethätigung lechzen, — der ge-
steigerte Wohlstand und die gefestigten wirthschaft-
lichen Verhältnisse im Lande, — endlich auch die
nervöse Sucht nach Neuem, Anderem, das niimner-

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