Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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vom Büchermarkt.

weit über das von ihrem Urheber gebilligte Ziel
hinausgeführt wurden, so zeigt sich heute, daß auch
im Kunsthandwerk die Anhänger der „neuen Lehre"
nicht selten über die Schnur hauen und daß sie, statt
ihre Phantasie erst bei der zur Ausführung irgend
eines Gegenstandes nothwendigen Technik in die
Schule zu schicken, diese Technik zur Sklavin ihrer
oft unzweifelhaft reichen uitd
lebendigen Phantasie machen und
ihr einfach befehlen: das und
das machst du. Die geduldige,
geschickte, an Gehorsam gewöhnte
„Sklavin" thut wie ihr geheißen,
und die Folge davon ist, daß
dann die Festigkeit eitles Möbels
zweifelhaft wird, daß das polz,
feiner Natur nachgebend, die
kühn geschwungenen Linien zer-
reißt uitd das Ganze unansehn -
lich macht u. s. w. Wer die vor-
liegenden Entwürfe Schmid's mit
aufmerksamem Blick durchmustert,
wird iit dieser Beziehung Man-
ches finden, was sich zwar als
Zeichnung recht aniiluthig dar
stellt, aber iit der Ausführung
unerquicklich werden muß. Daß
der Perausgeber über eine ge-
wandte Phantasie verfügt, ist
iticht zu verkennen; ebenso wenig,
daß manche der kleineren Möbel
die vorliegenden ersten pcfte
enthalten hauptsächlich Möbel,
weitere pefte sollen der dekorativen
Bildhauerei und Malerei, sowie
den Eisenarbeiten gewidmet fein
— gaitz niedliche, brauchbare
Stubengenossen werden können.

Aber unter den größeren Arbeiten
ist gar Bieles (z. B. Nr. 28, 33,

3^), was dem Knochengerüst der
betreffenden Möbel direkt wider
spricht. Da treten willkürlich geschwungene Stinien mit
der Miene eitles wichtigen Konstruktionsgliedes auf,
und doch sind sie weiter Nichts als in's Riesenhafte
gewachsene Ornamentlinien; die Rolle, welche sich die
aus dem Ornament herzuleitenden Linien hier an-
maßen, erinnert lebhaft an die Worte Leporello's:
„Kaitii ja selbst den perren iilachen, will iticht länger
Diener sein!" — Die vorliegenden beiden pefte wer-
den im Ganzen von den Fachleuten der Möbel-
tischlerei schwerlich als ein Evangeliuiit gepriesen

werden; aber iiitiiterhin enthalten sic doch auch unter
deit größeren Sachen einzelne Stücke (5. B. Nr. 38,
43, 50), die der Beachtung werth sind, und an

vielen andern Beispielen wird der Fachmann doch
iiitiner noch Elemente struktiven oder ornamentalen
Reizes finden, die bei einer andern Ausgestaltung
einer weitern Entwicklung fähig sind. Znsoferne die
Entwürfe ein Zeichen der Zeit
bilden, kann man dem Peraus-
geber dafür dankbar fein, da
sie in der That ein gewisses
Bild der Zeitströmung geben,
ob eilt vortheilhaftes, das wird
die Zukunft schwerlich bejahen.

6.

eorg pirth, Der Stil in den
bildendeil Künsten und Ge
werben aller Zeiten. I. Serie, der
schöne Mensch. Lieferung ;—7;
Preis pro Lieferung f Akk.

Mit dieser Serie von ^2 Liefe
ruilgen zu je j0 Tafeln mit Text
eröffnet der bekannnte Peraus-
geber eine Reihe voll zusammen
f 6 Serien, welche in geschichtlicher
Folge die verschiedenen Seiteil
küilstlerischen Schaffens vor Augen
führen wollen — sowohl in Bezug
auf die sogenannte „hohe Kunst",
wie iil Bezug auf die Kleinkunst.
Die bisher erschienenen Liefe-
rungen umfassen die älteste Zeit
bis in die Blüthe griechischer
Kunst; was sie bieten, ist eigent-
lich eine Geschichte der ältesten
Bildhauerkunst, wie sie ail der
pand trefflich ausgewählter und
nicht miilder vorzüglich wieder-
gegebener Abbildungen nicht an-
schaulicher gelehrt werden kann.
Der zu genauer Nachbeobachtung
anregende Text von Or. p. Bulle
giebt nur das Nothwendigste, aber für den, der
lieber selber beobachten will, gerade geilug; die
entscheidenden Merkmale sind darin knapp und
deutlich gekennzeichnet ohne alle Weitschweifigkeit.
Für solche, denen keine Gelegenheit gegeben ist, an
pand der Griginalien sich die Entwickelung der
Bildhauerkunst zu veranschaulichen, kann es kein
besseres pilfsmittel geben, als pirth's „der schöne

Mensch". 6.

ri*

m

6t2. Silbervergoldeter Pokal von
JTt. Strobl, München.

(7s der wirk!. Größe.)

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