Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Moderne Annstbcstrebungen in Wien.

23Lichtkrone für elektr. Glühlicht. Entwurf von tjans Friedet, München;
Ausführung von L. A. Riedinger, Zlugsburg. (*/,„ der wirkt. Größe.)

Moderne (RunskKesireß ungen Ln
IDLen. (Von Dr. (R. Streiter.

ien, die StaM des sorglos genießen-
den laisser-aller, will plötzlich mit
aller Gewalt künstlerisch „modern"
werden. Nachdem in dieser Rich-
tuitg bis vor Kurzem wenig dort
sich geregt hatte, überrascht uns
in jüngster Zeit eine auffällige Nachricht uach der
andern. An das Burgtheater, dessen alter Glanz
bedenklich verblaßt ist, worüber auch der äußerliche
Glauz des neuen pauses nicht hinwegtäuschen kann,
wurde — welch' Wunder! — aus Berlin der eifrigste
Apostel Gerhard Pauptmanns, des „konsequenten
Naturalisten", Or. Paul Schlenther, zum Direktor-
berufen. Das neueste Drama Pauptmann's, mit
dem der Dichter nach verschiedenen weniger geglückten
idealistischen Versuchen zum Programm des konse-

quenten Naturalisnrus sich wieder
zurückwandte, „Fuhrmann penschel",
wurde an der Burg aufgeführt.
Sonnenthal spielte die Titelrolle;
Pauptmanu erhielt den Grillparzer-
preis. Ob das Stück den Wienern
sonderlich gefallen hat? Wir können
es kaum glauben, zumal nach der
bekannten Rede des Vberbürger-
meisters Or. Lueger zu Ruhm und
Preis von Operette und Tingel-
Tangel. Aber Parquet und Logen
applaudirteu kräftigst; denn — man
will bod} endlich auch „modern" sein.

Wehr noch als die Ereignisse im
Burgtheater — man weiß, was das
für Wien heißen will - wurden in
den letzten Monaten Neuigkeiten aus
den Gebieten der bildenden Kunst
zum allgemeinen Thema leidenschaft-
licher Erörterung: Die Ausstellungen
der Sezession und der Kamps um
das moderne Kunstgewerbe. Die

Wiener Sezession — „Vereinigung
bildender Künstler Oesterreichs" —
wäre sicher nicht zu Staude gekommen,
wenn die Münchener Sezession nicht
vorausgegangen wäre; denn so stark
und zahlreich sind die jungen treiben-
den Kräfte im Wiener Kunstleben
bis jetzt noch nicht, um aus eigenstem
revolutionärem Drange den Zu-

sammenschluß zu einer fortschrittlichen
Oppositionspartei als durchaus nothwendig zu
fordern. Trägt so die Wiener Sezession von

Geburt an das Zeichen des künstlich Gemachten,
des Nachgeahmten unverkennbar an der Stirne,
äußert sich demnach dort das „fezessionistische" Ge-
bahren noch inehr als anderwärts oft in Affektirt-
heit, in platten, bis zur Lächerlichkeit des „Gigerl-
thums" manierirten Aeußerlichkeiten, so nmß doch die
neue Vereinigung als ein nicht zu unterschätzender
Faktor im Wiener Kunstleben anerkannt werden.
Schon darum, weil sie überhaupt wieder einmal
Bewegung in den trägen Fluß gebracht hat, in eine
Stagnation, die so ziemlich von allen Seiten ein-
gestanden und beklagt wurde, dann aber vor Allem
deshalb, weil sie durch ihre vom Gewohnten ab-
weichenden und schon dadurch die Aufmerksamkeit
und Neugierde erregenden Ausstellungen Künstlern
und Publikum die Bekanntschaft mit neuen, wich-
tigen Werken des Auslands vermittelt hat, eine An-
regung und Befruchtung, wie sie seit Jahren im

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