Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Unsere Bilder.

^90. Silberne, theilweise vergoldete Gürtelschließe von Nicol. Thallmayr, Nilsbiburg.
(Wirkliche Größe.) Muster geschützt.

(Unsere (Kikder.

usstellungsarbeiten bilden mit geringen
Ausnahnren den bildlichen Inhalt des
vorliegenden fjeftes, insbesondere jene
von der Dresdener Ausstellung, über
welche der Begleittext sich in eingehendster
Meise äußert. Bon der Münchener Glaspalastaus-
stellung haben wir im letzten fjeft mit den Exlibris
Max. Dasio's einige Vorläufer gebracht; auch in dieser
Nunnner können wir wegen Raummangel nur eine
kleine Gruppe von Arbeiten der Münchener Aus-
stellung bringen, die sowohl an sich, wie wegen der
bisher unbekannten Persönlichkeit ihres Verfertigers
unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Im Frühling dieses Jahres tauchten zum ersten
Riale in der Palle des Kunstgewerbevereins Schmuck-
sachen auf, die schon durch ihre eigenartige Gestaltung,
namentlich aber durch die Eleganz in der technischen
Durchbildung auffielen; als Aussteller und Verfertiger
nannte sich Nicolaus Thallmayr in Vilsbiburg
— und nicht lange nachher erschienen von demselben
in der Glaspalastausstellung neben weiteren Schmuck-
sachen auch kleinere figürliche Metallarbeiten, lauter
Stücke, welche geeignet waren, das Interesse an ihrem
Verfertiger wachzurufen, der seinen Wohnsitz in dem
kleinen niederbayerischen Landstädtchen an der Vils
aufgeschlagen.

Me so oft bei Künstlern hat auch bei Nicol.
Thallmayr ein Zufall die Berufswahl entschieden.
Prof. Wilh. Widemann, der bekannte Bildhauer in
Berlin, kam — noch zn der Zeit, als er an der Frank-
furter Kunstgewerbeschule die Lehrstelle für Liseliren
inuehatte — nach Vilsbiburg zur Besichtigung von
Alterthümern, sah dort den Knaben Thallmayr mit
Blumenzeichnen beschäftigt und rieth ihm, Tiseleur
zu werden. Dem Rathe folgte bald die That. Daß
Widemann mit klarem Blicke das Talent nicht nur

erkannt, sondern ihm auch die richtigen Pfade ge-
wiesen hat, das beweisen die heute vorliegenden
Arbeiten. 21 cit sq. Jahren kam Thallmayr nach
München zu Meister Gtto Aßn in die Lehre, deren
Dauer — wie in der Regel — auf vier Jahre
festgesetzt war, aber um ein Jahr verkürzt wurde,
als die ungewöhnlichen Fortschritte des Lehrlings
diesem die Aussicht auf den Besuch der Münchener
Kunstgewerbeschule eröffneten. Nach dreijährigem
erfolgreichen Besuche der Schule schied Thallmayr
als Zwanzigjähriger von München, arbeitete erst
über zwei Jahre bei pofgoldschmied permeling in
Köln, dann ein Jahr in Paris, nahm dann für-
einige Monate in der Silberwaareufabrik von Martin
Meier in Mainz Stellung und unternahm endlich eine
längere Studienreise nach Italien, wo er in Rom,
Florenz und hauptsächlich in Neapel arbeitete. Be-
laden mit allerlei künstlerischen Ideen, ausgestattet
mit gediegenem Können und reichen Erfahrungen
kehrte er in seine peimath zurück, um für's Erste
in einem außerhalb Bayerns kaum bekannten Winkel
zu arbeiten, wo ihm keine andere Anregung zu Theil
wird als die durch den unmittelbaren Umgang mit
der Natur.

Bei der Richtung, die die Kleinkunst seit einigen
Jahren eingeschlagen hat, ist aber gerade dieser
Umgang vom größten Werth, und die Schmucksachen
Thallmayr's beweisen nicht nur, daß ihr Verfertiger
sich sehr eingeheud um die Natur bekümmert hat,
sondern auch, daß er versteht, sie seinen Zwecken
dienstbar zu machen. So lange es sich darum handelt,
eine struktiv gedachte, aus der Zweckbestimmung allein
hervorgegangene Form —- wie bei einer der Mantel-
schließen (Abb. ^90) und dem Aufsteckkamm — mit
naturalistisch gestalteten Pflanzen und Thieren zu
beleben, wird die Ausschmückung nur in seltenen
Fällen zu einenr Erdrücken, einem Verstecken der
Urform führen; wo aber naturalistischen Gebilden

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