Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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B 5- & CS

262. Von p. Bürck, Darmstadt.

lDie voEbtßümkiche AuesteLbung
für Haue und Herd in (Dresden.
(Von Or. Srnst Jinunermann.

kühnem Griff hat Dresden ver-
acht, eine Lücke auszufüllen, die
als die zur Zeit empfindlichste in
rein heutigen Kunstleben schon
geraumer Zeit erkannt ist.
hat mit der auf Anregung
der hochherzigen Königin von Lachsen ins Leben
gerufenen „Volksthümlichen Ausstellung für paus
und perd" den Versuch gemacht, eine neue Nutzkunst
in praktischer Anwendung vorzuführen, die auch dem
Unbemittelten sein peim behaglich und erfreulich zu
gestalten im Stande ist. Lolche Kunst gab es bisher
eigentlich noch nirgends — man war in dieser Be-
ziehung kaunr über theoretische Forderungen und ganz
vereinzelte Versuche hinausgekommen — man mußte
daher eigentlich eine solche Kunst erst aus dem Boden
stampfen, und man bediente sich dazu des echt modernen
Mittels des Preisausschreibens, das den prämiirten
die Ausführung ihrer Entwürfe in Aussicht stellte.
Der Erfolg darf wohl als ein überraschender bezeichnet
werden. Es ist für eine so wichtige Aufgabe nicht
allzu viel zusammengekommen — man hat aus
Platzmangel und ähnlichen Gründen sich mehr oder-
weniger absichtlich auf Lachsen beschränkt — dafür
aber manches Gute und Brauchbare. Alan steht
hier wirklich vor dem Anfang einer Entwicklung,
die eine erfolgreiche Zukunft verspricht. Die Weiter-
entwicklung hängt kaum noch ab von den produ-
zirenden Kräften, allein von den konsumirenden.
Aber auch diese scheinen bereit. Der Absatz der
ausgestellten Gegenstände übertrifft zum Theil alle

Erwartungen. Die meisten Zimmereinrichtungen sind
verkauft, vieles schon mehrfach. Dazu hat eine
Verloosnng die prämiirten Gegenstände an sich schon
mit Pilse Fortuna's an den richtigen Mann zu bringen
gesucht. Das Dargebotene ist also in der That
einem wirklichen Bedürfniß entgegengekommen.

Man sieht, was heutzutage eine richtige (Organi-
sation und finanzielle Unterstützung zu Wege zu
bringen vermag. Man ist dadurch mit einem Lchlage
aus dem Stadium des Versuches in das der all-
gemeinen Praxis hineingekommen. Theoretische
Forderungen hat es in dieser Beziehung schon lange
gegeben. Zn England, der Primat der modernen
dekorativen Kunst, zuerst durch Walter Trane, den
Sozialisten unter den Künstlern, der in seinen claims
ok decorative art laut den Ruf nach einer Volks-
kunst im besten Sinne des Worts erschallen ließ.
Er hat aber in England in dieser pinsicht nicht
den Erfolg gehabt wie sonst als Künstler. Pier
lagen bei dem nüchternsten und praktischsten Volke
Europas die Verhältnisse auch nicht so' schlimnr wie
in den übrigen Ländern, nirgends jedoch so schlimm
wie gerade bei uns. Die Renaissance der Renaissance,
welch' letztere bei uns in Deutschland an sich schon
einen zum mindesten ausgereiften Stil bedeutet, hatte
unter der pand der Architekten zu einer Spielerei
mit Formen geführt, die, weil sie viel Geld ver-
schlang, dies nur auf Kosten der Feinheit und
Solidität zu thun vermochte und so zu den traurigsten
und unbrauchbarsten Erzeugnissen geführt hat, die
vielleicht je eine Zeit allgemeiner Kultur geschaffen.
Das Schlimme war, daß der einfache Mann in
dieser Beziehung ebenso leben wollte, wie der Reiche,
und mit den: weiterdringenden Sozialismus nur mehr
und mehr. Dadurch wurde die Kluft zwischen Reich-
thum der Formen und Solidität der Mache immer
größer, und dies änderte sich nicht unter dem Wechsel

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Aunst und Handwerk. 50. S^ahrg. Heft 5.

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