Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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iltobenie Keramik auf der Pariser Weltausstellung.

57. (Pariser Ausstellung.) Fries an der karte monumentale. ITtobeflirt von A. (5nillot, in Steinzeug ausgefiihrt

von Emil Null er, Paris. (Figuren über Lebensgröße.)

Weiterentwicklung vorlag, wie auf keinem anderen
Gebiete. Das hat die Keramik zur Vorkämpferin
für die neue Richtung fast in allen Ländern gemacht.
Indem sie sich selber dabei aus dem Sumpf zog,
hat sie dabei die ganze Richtung gefördert. Da ist
sie immer an der Spitze dieser Bewegung weiter
marschirt, hat eilt Land nach dem anderen erobert,
auf dieser Ausstellung auch die einzige wirklich große
Ueberraschung auf dem Gebiet der Kunst aufzu-
weisen und steht wohl dicht vor ihrem endlichen
Lieg, da, wie die Ausstellung auf Schritt und
Tritt zeigt, nun auch die großen Fabriken, bisher
meist die erklärtesten Beschützer des Alten und her-
gebrachten, in ihrer bisherigen Produktion erschüttert
scheinen und dieser neuen Richtung Konzessionen
machen.

Der besondere Ausgangspunkt der modernen
Keramik hat aber auch ihr ihren besonderen Cha-
rakter verliehen, der, wie die Weltausstellung mit
ihrem Wassenaufgebot noch einmal deutlichst zum
Bewußtsein bringt, durchaus nicht immer als ein
Vorzug anzusehen sein dürfte. Ist Nachahmung
immer ungesund, weil phantasielähmend, so doppelt,
wenn es sich dabei um Erzeugnisse einer Kultur
handelt, die mit der unsrigen nur herzlich wenig
Berührungspunkte aufweist. So ist der Schaden
hier nicht ausgeblieben: Indem man Japan nach-
ahmte, zerriß man schlankweg alle Fäden der bis-
herigen europäischen Tradition und stand, da man

Nun» und Handwerk. Sh Zahrg. Heft 2.

für alle und gerade für die wichtigsten Bedürfnisse
unserer Zeit und unserer Sitten in der japanischen
Kunst keinen Ersatz zu finden vermochte, vor jenen:
Nichts, das für eine phantasiegelähmte Zeit doppelt
verhängnißvoll ist. Gibt es für diese Behauptung
eine bessere Illustration als jene einfache Thatsache,
daß wir bis zu dieser Weltausstellung noch nicht
ein einziges wirklich künstlerisches Speiseservice im
neuen Stile aufzuweisen hatten! Die japanische
Keramik ließ uns gerade bei der Befriedigung unserer
keramischen Hauptbedürfnisse völlig im Stich, indem
sie uns dafür eine Wenge voll ihren Gebrauchs-
gegenständen eintauschte, die aber bei uns, da wir
sie nicht gebraucheil konnten, zu reinen Luxusartikel
herabsanken. So ward unsere Keramik unter
Führung der japanischen eigentlich zum unmittel-
baren Gegenteil dieser. Denn jeder Kenner japa-
nischer Kunst weiß als einen Hauptvorzug dieser,
daß jedes ihrer Erzeugnisse durchaus einem un-
mittelbaren Bedürfiliß des praktischen Lebens dient.
Das ist die Ironie der Nachahmung!

In erschreckender Weise zeigt die Weltausstel-
lung, daß diese Thatsache längst aus den: Stadium
der Vereinzelung in das der Allgemeinheit überge-
treten ist. Kein Land, kein Keramiker der nicht sein
Pferd am Schwänze aufzäumt, d. h. seine Neue-
rungsversuche mit der Blumenvase beginnt! Nur
das ist noch der einzige Unterschied, daß dieser
Blumenvasen schafft, in die man Blumen stellen

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