Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Moderne Keramik auf der Pariser Weltausstellung.

ein jeder seine eigene Spezialität zu verschaffen gewußt,
die seine Thätigkeit nicht überflüssig erscheinen läßt.
Dadurch ist in der That die Summe ihres Aönnens
von Achtung gebietendem Umfang, eilt wirklich posi-
tives Resultat modernen Aunstempfindens, wie es
andere Gebiete dekorativer Aunst noch nicht an-
nähernd aufzuweisen haben. Nur zeigt auch hier
die Ausstellung zu sehr die Aehrseite dieser Errungen-
schaft. Es gibt auf diesem Gebiet, ist erst einmal eine
gewisse chähe erreicht, keine rechte Weiterentwicklung
mehr; die großen Gebiete der Aeramik und gerade
die wichtigsten sind dieser Richtung so gut wie ganz
versagt, und tritt sie dennoch auf diese Gebiete über,
so läuft sie, wie gleichfalls die Ausstellung zeigt, zu
leicht Gefahr, der Lächerlichkeit und Abgeschmacktheit
anheimzufallen. Es fehlt ihr die Gabe, durch Be-
friedigung der ersten keramischen Bedürfnisse sich
wirklich nützlich zu machen. Sie komntt über den

Luxus nicht heraus. Ein paar gelungene Fliesen
können hier nicht als Widerlegung gelten, zumal die
pöhe ihrer Preise auch hier jede praktische An
wendung ausschließen.

Wan steht heute den reklets Wassiers, wie
sie sich auf der Ausstellung darbieten, mit etwas ge-
mischten Gefühlen gegenüber. Nicht deshalb, weil,

wie einige wollen, seine Aunst seit Jahren sich nicht
recht weiter entwickelt hat — ein solcher Waßstab
ist freilich echt modern, doch nur zu sehr geeignet,
durch Ueberstürzung die Run st dem Verfall zuzu-
treiben. Die Verwendung dieser an sich bedeutenden
technischen Errungenschaft erscheint jedoch nicht

allzufein, vergleicht man sie mit der hohen Aunst,
mit der sie einst an ihren Vorbildern aus der orienta-
lischen und italienischen Aeramik verwandt worden
ist. Der rollet metallicxue ist eine kitzliche Sache:
der Energie seines Glanzes bei richtiger Beleuch-

tung steht die volle Stumpfheit seiner
Farbe, wo diese Beleuchtung fehlt,
schroff gegenüber. Ueber diesen Nebel
stand half sich die alte Zeit durch
eine deutliche Ornamentik hinweg,
die durch ihre klar vom Grund sich
abhebende Formensprache die trüben
Farbentöne an den glanzlosen Stellen
nicht bemerken ließ. Sie verwandten
den Reflex zugleich mit Bescheiden
heit, als angenehme, pikante Zugabe,
nicht als Hauptsache. Bei Wassier
ist er Hauptsache; er deckt die ganzen
Flächen, und die thatsächlich vor-
handene naturalistische Eharakter-
Grnamentik erscheint in ausgelöster
Unklarheit. So erzielt er stellenweise
die glänzendste Wirkung, stellenweise
die ödeste Stumpfheit. Seine Arbeiten
verlieren dabei z. Th. ganz das Aus-
sehen keramischer Erzeugnisse, sie
gleichen Wetallimitationen, denen sie
auch in der Formensprache stark ver-
wandt sind. Das wird nicht besser,
wenn die Gefäße in's Riesenhafte
wachsen, mag man auch über die
Größe der Technik staunen, nicht
besser, wenn ganze Abendstimmungs-
landschaften auf die Flächen gezaubert
werden, die bald in den glühendsten
Farben aufleuchten, bald in nächt-
lichem Dunkel verschwinden. Auch
Wassier steht hier unter dem Ein-
fluß des inodernen Glaubensbekennt-
nisses französischer Aesthetik, daß wahre

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86. Vase aus graugelbem Steinzeug von L. Müller; Modell von
Loins Lhalon, Paris. (Ungefähr ‘/i2 der wirkl. Gr.)

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