Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Moderne Keramik auf der Pariser Weltausstellung.

9\. Biskuit-Figuren aus der Porzellanmanufaktur in Serres; Mittelgruppe eines ans Figuren bestehenden Tafelschmucks,
„le jeu d echarpe“. Komposition von A. Leonard; Ausführung von Lacour, veillard, Leclere, Richard, Bru, Gueneau.

(Ungefähr der wirkl. Größe.)

unter denen namentlich ein herrliches Roth und Blau
auffallen, an feinfühliger Wirkung um die Wette streitet,
hier ist alles ersten Ranges, des alten Rufes derSovre-
Manufaktur doppelt würdig, und auch ein neuer sehr
reizvoller technischer Versuch findet sich, eine Art
Doppelglasur bei der nach Art der Gallegläser dir
anders gefärbte Ueberfangglasur ornamentbildend
stellenweise fortgeschliffeu ist (Abb. 98)- Nicht minder
auf der höhe stehen die Biskuitfiguren, unzweifelhaft
die feinsten Porzellanfiguren überhaupt, die heute
gemacht werden, für die Frankreichs erste Plastiker
gerade für gut genug gehalten werden. Das Ent-
zücken aller Ausstellungsbesucher auf diesem Gebiete
find die als Tafelschmuck gedachten Tänzerinnen des
jungen Bildhauers Leonards, die die Jahrhunderte
lang bewährte französische Grazie noch immer am
Leben zeigen, solchen Schöpfungen der französischen
Aunst kann man als Angehöriger einer anderen
Nation kaum ohne Neid gegenüberstehen.

Das Interessanteste an den neuen Erzeugnissen
Sevres ist jedoch die Art des (Ornaments, dieses

Schmerzenskindes der modernen dekorativen Ärmst
und weiter seine Anwendung aus die Nutzkunst. In
dieser Beziehung muß unbedingt gerühmt werden,
daß Sevrcs wieder eine der ersten porzellansabriken
ist, die das Drnament wirklich dekorativ, d. h. dem
Ganzen sich einfügend und doch dasselbe belebend
zur Anwendung gebracht hat. In klarer Stilisiruug
heben sich die von jeder naturalistischen Wirkung
befreiten flach gehaltenen Pflanzenmotive in reinen
Farben und gleichmäßiger Verteilung vom Grunde
ab. Vielleicht könnte man den etwas matten Tönen,
bei denen man bezeichnerrder Weise kaum zwischen
Unter- und Ueberglasurfarben zu unterscheiden ver-
mag, noch etwas mehr von der farbigen Araft,
die der Aeramik als einer ihrer Hauptvorzüge inne-
wohnt, wünschen. Ulan denke sich diese Erzeugnisse
in die keramische Abteilung eines Auustgewerbe-
museums versetzt und man wird sicher in ihnen noch
etwas von der Farbcnscheu des vergangenen Jahr-
hunderts entdecken. Unbedingt störend ist wohl die
nicht ganz ohne den Einfluß der Grassetschule
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