Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

Page: 273
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1900_1901/0298
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Gewerbliche Erziehung.

Kiffen (dunkelgraugelbes Leinen mit weißer Seidenstickerei)
von Käthe S. Knoch, München. (V6 der wirk!. Gr.)

wir, wenn wir den Wollenden nur thatkräftig mit
geistiger und materieller Unterstützung an die pand
gehen, thatsächlich auch eine wesentliche Besserung
zu erwarten haben.

Aber die allermeisten denken hier zunächst an
eine Besserung der rein beruflichen Ausbilduitg. Die
Saite, die wir im letzten Satze von Greard an-
geschlagen finden, habe ich in Deutschland noch wenig
ertönen hören; im Gegenteil, soweit ich die Organi-
sation unserer technischen Schulen aller Art in Deutsch-
land kenne, fast überall vermisse ich die klar be-
wußte Sorge: daß der Mensch nicht im Lehrling,
der Staatsbürger nicht im Arbeiter untergehe. <£s
ist ein charakteristisches Zeichen, daß die beiden
größeren Republiken Europas, Frankreich und Schweiz,
welche der autoritativen Kraft unserer nronarchischen
Gesinnung entbehren, welche dem Volk noch größere
Selbstbestimmungsrechte eingeräumt haben, diesen
Mangel in der Erziehung zwar nicht zuerst entdeckt
— denn auf ihn haben in Deutschland schon vor
einem Jahrhundert unsere großen Philosophen und
Staatsmänner hingewiesen —, ihm wohl aber zuerst
wenigstens in einer Richtung abzuhelfen gesucht
haben. Zn sehr vielen gewerblichen Schulen Frank-
reichs finden Sie einen Unterricht eingeführt, der die
rein staatsbürgerliche Erziehung unterstützen soll.

Ebenso fand ich an der Kunst- und pand-
werkerschule in Bern zahlreiche, stark besuchte Unter-
richtskurse über Vaterlandskunde eingerichtet, welche
Pflichten und Rechte des Bürgers, die Produktions-
verhältnisse des Landes, sein Gewerbe, seine Industrie,
seine Handelsbeziehungen zum Auslande u. s. w., ja

selbst aktuelle Referendums- und Initiativvorlagen
behandelten.

Der bloße Unterricht in solchen Dingen spielt
ja eine verhältnismäßig geringe Rolle in der eigent-
lichen Erziehung, aber richtig betrieben, öffnet er
doch wenigstens die Augen. Dabei ist es wenig
fruchtbar, die socialen Gesetze, Gewerbeordnung,
Verfassung des Landes und Reiches direkt nach
Paragraphen zu behandeln, Dinge, die man auch
bei uns vielfach betont und in ihrer ganzen für die
hier in Betracht kommenden Schüler langweiligen
Abstraktheit bisweilen eingeführt findet. Der Unter-
richt muß vielmehr in möglichst konkreter, etwa hi-
storischer Entwickelung Hinweisen auf das, was das
Leben in: Staate überhaupt möglich macht, er inuß
das lebhafte Bewußtsein erzeugen, daß, und wie die
Interessen des einzelnen Menschen wie der Berufs-
gruppe auf das innigste verflochten sind mit den
Interessen anderer Menschen und Berufsgruppen,
daß und wie die egoistische rücksichtslose Betonung
der Eigeninteressen immer zu Krankheiten im Ge-
samtorganismus führt, die nicht nur die Existenz der
andern, sondern schließlich auch den Egoisten ge-
fährden.

Neben diesen: Unterricht müssen wir aber in
unfern Organisationen Einrichtungen schaffen, die
Gelegenheit bieten, die gewonnene Einsicht auch zu
bethätigen, ja diese letzteren sind noch notwendiger
für die staatsbürgerliche Erziehung als der reine
Unterricht. Doch ist es unmöglich, auf diese ver-
schiedenartigen Einrichtungen hier näher einzugehen?)
Nur auf die eine will ich nochmals Hinweisen, auf
die weitestgehende Peranziehung des Gewerbestandes,
seiner Arbeiter und Verbände zur Lösung der Er
ziehungsfrage. Erziehen heißt Opfer bringen, geistige,

*) vergl. Kerschensteiners demnächst bei villaret in Erfurt
erscheinende, von der Kgl. Akademie zu Erfurt preisgekrönte
Arbeit über die staatsbürgerliche Erziehung der Jugend.

4^8. Kiffen (dunkelgrauer Sammt mit gelber Seidenstickerei)
von Elisabeth Beyschlag, München. ?/« der wirkl. Gr.)

Kunst und Handwerk. 5P Iahrg. Heft 9-

273

36
loading ...