Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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facsimile
Richard Riemerschmids Schauspielhaus.

4SZ. Münchener Schauspielhans — Rich. Riemerschmid. -
plakatrahmen, ausgeführt von A. Aönig, München.

in München gehoben wird denn was gibt

es schöneres als die Entwicklung eines neuen, ver-
heißungsvollen Lebens zu verfolgen?

Das Theater ist klein und schlicht. Mit mög
lichst einfachen, billigen Mitteln galt es einen Theater-
raum zu schaffen von bürgerlichem ansprechendem
Äußeren. Die Aufgabe war deshalb für einen so
vielseitigen Vertreter der jungen Aunst denkbar gün-
stig und verlockend.

Der Aünstler aber, sich streng bescheidend, hat
sich die verlockendschwere Aufgabe nicht leicht ge-
macht. Wenn er selbst sagt, daß er durchaus nicht
nach neuen Formen gesucht — sondern daß er dies
und das gar nicht anders hätte schaffen können, als
wie wir es nun vollendet vor uns sehen, so ist das
nur ein Beweis seines strengen Suchens nach Wahr-
heit. Schließlich aber gilt es doch für den Aunst-
freund nur Eines: in den Aunstwerken das Wahre
vom Falschen, die Aunst von Ankunft zu sondern.
Diesmal hier im Schauspielhaus ist diese Antik uns
leicht gemacht. 3m Einfachen ist das Echte leichter
zu erkennen als im Reichen — wenn aber obendrein
der Aünstler auf jede Frage des Beschauers eine klare
Antwort zu geben weiß, weshalb er dies so und
so und nicht anders habe machen wollen, können —
so darf er für allezeit den Anspruch erheben, daß
sein Werk ein schönes Lob nicht nur für sein Schaffen

sondern für all seine Geist und Zeitverwandten
überhaupt ist.

Der rohe Verputz der Innenwände fordert
nicht zu Fragen heraus; gleichwohl ist es neu, daß
nun auch einmal ein Schauspielhaus sich nicht seiner
bescheidenen Mittel schämen will. Weshalb aber
zeigt der reizvolle Blätterfries, der sich über die Ver-
täfelung der Aorridore und anderwärts hinzieht,
so ungleiche Farbenflecke? Weshalb sind auch die
einzelnen Felder der Vertäfelung bei näherer Betrach-
tung so ungleich in Farbe? Es war für den Aünstler
eine künstlerische wie ökononrische Notwendigkeit. Die
durch Schablonen oder Stempel in gleichmäßiger
Abwechslung verteilten Farbenflecke und Farbenflächen
konnten durch den einfachsten Anstreicher, der keine
kostspielige Beaufsichtigung und Anleitung erforderte,
sehr leicht verbunden und zu einem künstlerischen
Ganzen gestimmt werden — indem ihm einfach der
Aünstler eine Reihe wenig unterschiedlicher Farbtöne
vorsetzte. So wurde Geld gespart und gleichzeitig
fand eine tiefe Naturbeobachtung neue Anwendung:
wie die ruhige Schönheit einer Wiese oder eines
Waldes nur eben durch das unvermittelte Neben-
einander verschiedener Töne einer Farbe so unend-
lichen Reiz aus uns ausübt, so wurde hier in sehr
vielen Fällen ein merkwürdig einheitlich, farbiger
Reiz in der Benralung erzielt.

Die Verkleidung der Heizkörper inr Vestibül
stellen aneinandergekettete quadratische Metallplätt-
chen dar. Sie sind grün patiniert — aber die Patina

464. Münchener Schauspielhaus — Rich. Riemerschmid. —
tvandleuchter im Vorplatz,
ausgeführt von L. Kram me, Berlin.

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