Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Die Jubiläumsfeier des Bayerische» Ruustgewerbevereins.

608. 606—6;o und 6J4, 6;s, 6^7 und 6Z8 Zierstücke von Ferd. Spiegel, aus dem Programm zum Schleißheimer Fest.

finden gewesen, welche in gleicher Weise Aunst und
Natur, Weiträumigkeit und festliche Pracht eines
Schlosses mit dein herrlichen Schatten hochragender
Aastanien vereinigt hätten! So waren die wichtigsten
Grundlagen gegeben für das Festprogramm, das
Emanuel Seidl dort zur Ausführung bringen wollte.

Aber der Pimmel machte ein griesgrämiges
Gesicht dazu, und er schien, unwirsch darüber, daß
man ihm für den zuerst bestimmten Tag nichts
Gutes zugetraut und das Fest deshalb verschoben
hatte, nun seinem Arger freien Lauf lassen zu wollen
— in nur allzu ergiebiger wässeriger Weise. Auch
die Gutgläubigkeit so vieler Tausende, die sich durch
die Extrazüge am Frühnachmittag des 5. ^ult nach
Schleißheim befördern ließen, rührte ihn nicht; es
mußte alles „gewaschen" werden, und die weit
herum im park zerstreuten Papierlampen, die den
Abend verherrlichen sollten, hingen längst traurig
als Lumpen an den Drähten, als man in einer
Regenpause daran denken konnte, doch wenigstens
einen Teil des Programms im Freien zur Ausfüh-
rung zu bringen.

Den trüben Wetter-Aussichten zum Trotz waren
aber nicht nur zahllose Schaulustige in die weiten
Räume des Schlosses geströmt, sondern auch der
greise Protektor des Vereins, der allverehrte Prinz-
regent, hatte sich mit mehreren Mitgliedern des
königlichen Pauses eingefunden, um dein Verein bei
seinem Jubelfest nahe zu sein. Unter Donner und
Blitz, vom Schloß aus durch Fanfaren begrüßt,
hielt er seinen Ginzug, von der Vereinsvorstand-
schaft bewillkommnet; Pagen iin Aostüm aus Max
Emanuels Zeit geleiteten die allerhöchsten Perrschaften
zum oberen Stock, wo in der Wartezeit bis zum
Nachlassen des Regens Militärmusikstücke und Thor-
gesang der Aaullaschen Gesangsschule für Unterhal-
tung sorgten.

Endlich — es war inzwischen % 6 Uhr geworden
— konnte das erste Schaustück vor sich gehen. Von
Fanfarenbläsern angekündigt, trat Max Tmanuel
mit Gattin und Gefolge aus den: Schloß und nahm
gegenüber auf einer von A. pocheder allerliebst her-
gerichteten Estrade Platz. Da nahten von Lustheim
her, unter den Weisen kurfürstlicher Musici, Schäfer
und Schäferinnen, um vor dem hohen perrn ein
Spiel vorzuführen, das vom Programm in seiner
der Aurfürstenzeit abgeguckten Schreibweise also be-
zeichnet wurde: „Blumen-Bund lieblicher Ballet-

Stück. Däntz, mit vieler Instrumenten Zusammen-
Stimmung vorgestellet bsy dero Lhurfürstlichen Durch-
laucht pofstatt zu Schleißheimb, zu löblicher Gemüths
Ergötzung in die Music versetzet von denen chur-
fürstlichen pofmusicus Agostino Steffani und Ruprecht
Ignatz Mayr." Es waren die sanften und lieblichen
Griginalweisen der erwähnten pofmusiker, die zu
den Tänzen gespielt wurden: Sarabande, Menuett,
Gavotte, Thaconne und Rigodon. Die zwanzig
paare wogten in ihren reizenden Kostümen so graziös
und geschmeidig durcheinander, daß man ganz
darüber vergessen konnte, wie durchwässert der Boden
war, auf dem sie sich bewegten — ein besonderes
Verdienst der Frau Balletmeisterin Iungmann.

Das Spiel war zu Ende, der Kurfürst mit seinem
Gefolge wieder ins Schloß zurückgekehrt und die
Menge machte sich dem langen, geraden Kanal ent-
lang auf den Weg nach Lustheim, wo auf dem
vorgebauten Podium eine Pantomime ausgeführt
werden sollte, die Bildhauer I. Bradl erdacht und
in allen Einzelheiten bis zu den Tostümstücken hinab
insceniert hatte, während die begleitende Musik von
G. pild herrührte. Und trotzdem der Pimmel wieder
durch Donner und Blitz und durch einen ausgiebigen
Wolkenbruch seiner Abneigung gegen das Dichten
und Trachten der Menschlein unverhohlenen Aus-

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